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Wohnchance NÖ: Nachbetrachtung einer vertanen Chance

17. November 2017, 09:12

"Anders günstig" wollte die TU Wien die "Billigschiene" im niederösterreichischen Wohnbau gestalten. Im gleichnamigen Buch wird nun rekapituliert

Wien – Mit der Wohnchance NÖ sollte rasch billiger Wohnraum in Niederösterreich geschaffen werden – nicht nur, aber vor allem für Flüchtlinge. 2015 wurde das Programm vom damaligen Wohnbaulandesrat Wolfgang Sobotka (ÖVP) ins Leben gerufen: Ein und dasselbe quaderförmige Holzhaus sollte 100-mal in ganz Niederösterreich errichtet werden, mit jeweils acht Wohneinheiten.

Es folgte ein Aufschrei der Architektenschaft, dann ein Gesprächsangebot vonseiten des Landes. Schließlich beteiligte sich das Land finanziell an einer TU-Lehrveranstaltung namens "Anders günstig". Diese wurde von TU-Assistenzprofessorin Anita Aigner (Fakultät für Architektur und Raumplanung) angeregt und von Irene Ott-Reinisch und Paul Rajakovics im Sommersemester 2016 abgehalten. In deren Rahmen wurden für fünf ausgewählte Gemeinden konkrete Konzepte erarbeitet: Großmugl, Gmünd, Ardagger, Waidhofen/Ybbs und Semmering. Man wollte alle vier Viertel des Landes einbeziehen und möglichst unterschiedliche "prototypische Situationen" vorfinden.

Bestehende Siedlung oder Steilhang

Die Studierenden sollten nämlich in erster Linie das nachholen, was das Land aus Sicht der Organisatoren krass verabsäumt hatte: auf den Kontext der jeweils angebotenen Liegenschaften eingehen. In Großmugl wurde etwa für eine Liegenschaft innerhalb einer bestehenden Einfamilienhaussiedlung geplant, in Gmünd für das Areal einer ehemaligen Möbelfabrik, in Semmering für ein Grundstück am Steilhang unterhalb des Hotels Panhans.

Dass die 14 von den Studierendenteams erarbeiteten Konzepte für die fünf Gemeinden schließlich nur noch sehr wenig mit der ursprünglichen "Schuhschachtel" zu tun hatten, überrascht nicht. Im Buch Anders günstig wird die Geschichte der Wohnchance NÖ (von der bisher nichts realisiert wurde) nun noch einmal im Detail aufgerollt, samt Lageplänen und Grundrissen, und ergänzt um weitere interessante Beiträge, etwa über Materialkunde oder soziale Integration im ländlichen Wohnbau.

"Bürger in Planung involvieren"

Initiatorin Anita Aigner brach bei der Präsentation des Buches eine Lanze für solche neuen Lehrformate, bei denen Studierende zusammen mit Bewohnern in einem Prozess herausfinden, was an einem Ort entstehen kann und soll. "Das wäre sehr wichtig, nicht nur aus demokratiepolitischer Perspektive, sondern vor allem auch deshalb, weil die Studierenden lernen, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren, selbst Initiative zu ergreifen, Prozesse zu gestalten – und nicht nur Bauten".

Die Kontakte mit den Gemeinden hätten sich im Wesentlichen auf die Bürgermeister und ein paar Gemeinderäte beschränkt, sagte Aigner. Die "Menschen vor Ort" habe man bedauerlicherweise nicht wirklich erreicht. "In Zukunft müsste es auch darum gehen, die Bürger in Planungsprozesse zu involvieren." Dann sei auch die Identifikation mit Projekten besonders hoch.

Förder-Umkehr

An die niederösterreichische Wohnbaupolitik richtete Aigner deshalb die Empfehlung, das Fördersystem umzudrehen: "Anstatt fertige Pläne 'von oben' durchzusetzen, wären zivilgesellschaftlich entwickelte Lösungen zu stützen."

Zum anderen sollte auch der Bau von Gemeinschaftsräumen gefördert werden – was in Niederösterreich nur in Ausnahmen der Fall ist. "Das ist in unseren Augen ein Missstand, den es zu beseitigen gilt." Allerdings gebe es hier auch noch Forschungsbedarf. "Wir wissen viel zu wenig darüber, unter welchen Bedingungen Gemeinschaftsflächen sinnvoll genutzt werden, wann soziales Nebeneinander und wann soziales Miteinander entsteht." (Martin Putschögl, 17.11.2017)