Foto: Archivfoto Bezirksmuseum Wien 15

Experimentelles Wohnen: Zimmer, keine Küche, Kabinett

19. November 2017, 16:00

Mit dem emanzipatorischen Wohnexperiment Einküchenhaus ging man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegen die Wohnungsnot vor

Agatha Christie und Bauhaus-Gründer Walter Gropius probierten es in London, "Kaisermühlen Blues"-Schauspielerin Ellen Umlauf in Wien: Wohnen ohne Küche. Möglich war das, weil sich die Bewohner Speisen mit einem Aufzug von der Großküche im Erdgeschoß holen konnten, wo bezahlte Bedienstete zugange waren. In den Wohnungen selbst gab es nur kleine Anrichten oder Küchennischen für den Notfall.

Solche Einküchenhäuser wurden in Europa bis in die 1950er-Jahre umgesetzt. Die Idee dahinter: die Wohnungsnot in den Städten, die aufgrund eines enormen Bevölkerungszuzugs vom Land entstanden war, mit kompakten Raumlösungen einzudämmen.

In der Zentralküche Heimhof brodelten die großen Töpfe – befeuert durch angestellte Frauen.
foto: archivfoto bezirksmuseum wien 15

Frauen weg vom Herd holen

"Das Einküchenhaus war auch ein klar emanzipatorischer Ansatz", so die Wiener Landschaftsplanerin Lucia Wieger, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. Eine große Rolle bei dem kollektiven Wohnmodell spielte daher die Frauenbewegung. Immer mehr Frauen waren erwerbstätig, arbeiteten etwa in Fabriken und hatten die Doppelbelastung von Beruf und Familie zu tragen.

Die weiblich besetzte Hausarbeit sollte durch die kollektive Küche und andere ausgelagerte Tätigkeiten wie Kinderbetreuung oder Wäschereidienst ein Stück weit aufgeweicht werden. Für Entlastung und die Förderung sozialen Lebens im Bau sorgten auch ein Zentralstaubsauger, Warmwasser, eine Bibliothek und eine große Dachterrasse. So wurden die öffentlichen Räume der Häuser auch zum Treffpunkt für Frauen, was damals eher den Männern vorbehalten war.

Gedacht war das Einküchenhaus, dessen Modell die Deutsche Lily Braun 1901 ausformuliert hatte, sowohl für Arbeiterinnen als auch Bürgerliche: "Für die einen sollte die gewonnene Zeit die Chance bieten, am sozialen Leben teilzunehmen, für die anderen eine günstige Alternative zu teuren Dienstboten sein", sagt die Urbanistin Christina Schraml, die zum Thema forscht. In der Praxis waren Einküchenhäuser aber international auch bei Prominenten und Intellektuellen recht beliebt.

Der große Speisesaal im Heimhof in der Peter-Jordan-Straße. Hier konnte man in geselliger Atmosphäre das Menü einnehmen. Alternativ gab es Speisenaufzüge, mit denen Essbares in die Kleinstwohnungen transportiert werden konnte.
foto: archivfoto bezirksmuseum wien 15

Genossenschaftlich organisiert

In Wien hatte die Frauenrechtlerin Auguste Fickert die Idee vorangetrieben. 1911 wurde das Heimhof-Frauenwohnheim in der Peter-Jordan-Straße im 19. Bezirk realisiert. Zwölf Jahre später folgte der Heimhof im 15. Bezirk. Beide Bauprojekte waren genossenschaftlich organisiert: Fickert hatte die gemeinnützige Bau- und Wohnungsgenossenschaft Heimhof 1909 mitgegründet, die Bauträger der Wiener Bauprojekte war. Es gab regelmäßig Hausversammlungen, in die die Bewohnerinnen und Bewohner miteinbezogen wurden.

Nachgebautes Modell einer Kleinstwohnung in einem Einküchenhaus von den Forscherinnen Lucia Wieger und Christina Schraml.
foto: christina schraml/lucia wieger - abb. aus: günther uhlig: kollektivmodell "einküchenhaus". anabas-verlag.de 1981. abdruck mit freundlicher genehmigung des verlags

Kritik und Grenzen

Die Häuser polarisierten: "Es gab eine riesige Debatte in den Medien, vielen war die Idee zu radikal. Es war von Massenabfütterung und kasernenartigen Zuständen die Rede", so Schraml. Es wurde auch Kritik laut, dass die Arbeit in den kollektiven Küchen und Wäschereien wie eh und je Frauen machten, wenn auch bezahlt.

Schlussendlich brach das System zusammen, weil sich die Bewohner den Service nicht mehr leisten konnten – mit absurden Folgen: Sie versuchten ihre Familien in den küchenlosen Wohnungen zu versorgen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die Großküchen geschlossen. "Das Einküchenhaus als subversive Praxis stieß an seine Grenzen, es war kein politisch gewünschtes Modell", so Landschaftsplanerin Wieger, die aufgrund der Erprobung des alternativen Wohnens dennoch eine Destabilisierung der vorherrschenden Machtverhältnisse und Konventionen ortet.

Die große Dachterrasse trug dazu bei, dass Frauen aus dem privaten Bereich der Kleinfamilie ein Stück weit ausbrechen und am öffentlichen Leben teilhaben konnten.
foto: archivfoto bezirksmuseum wien 15

Kollektive Wohnformen heute

Was vom Experiment geblieben ist? Seit den 1980ern findet sich die Idee in vereinzelten Projekten in Ansätzen wieder, so die Forscherinnen: etwa im Kabelwerk, in der Sargfabrik oder in Baugruppenprojekten auf dem Nordbahnhofgelände. Zumindest der Gemeinschaftsgedanke lebt hier weiter. (Marietta Adenberger, 19.11.2017)