Foto: Simon Bohun, Marta Gerstner
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Wie man in Japan historische Holzbauten zu erhalten versucht

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27. November 2017, 07:51

Japans Dichotomie von Technik und Kultur spiegelt sich in der modernen Stadtentwicklung und dem gleichzeitigen Erhalt historischer Strukturen wider

Als Besucher des Stadtteils Hizen-Hamashuku in der japanischen Kleinstadt Kashima (Präfektur Saga) auf der Insel Kyūshū könnte man sich leicht um ein paar Jahrhunderte in der Geschichte zurückversetzt fühlen. In den charmanten schmalen Gassen der Ortschaft reihen sich alte Holzhäuser aneinander, die im Erdgeschoß Sake-Brauereien, Geschäfte und kleine Handwerksbetriebe beherbergen.

Obwohl man es wohl anders erwarten würde, sind solche historischen Straßenzüge in Japan aber ein seltener Anblick. Hizen-Hamashuku bietet mit zwei Schutzzonen eine Besonderheit. Im ganzen Land gibt es nur knapp über 100 solcher geschützter historischer Gebäudeensembles. Seit einigen Jahren bemüht sich der japanische Staat in den ausgewiesenen Zonen um den Erhalt des baukulturellen Erbes, indem er strenge Auflagen bei Renovierung und Neubau vorgibt, aber auch großzügige Förderungen dafür vergibt. Gleichzeitig wird Hizen-Hamashuku seit wenigen Jahren intensiv als traditionelles Dorf im ländlichen Japan touristisch vermarktet und punktet bei Besuchern aus dem In- und Ausland vor allem mit den Sake-Brauereien.

Das Atelier eines Künstlers in Hizen-Hamashuku.
foto: simon bohun, marta gerstner
Historischer Straßenzug in Hizen-Hamashuku.
foto: simon bohun, marta gerstner

Das Dorf in der Metropole

Anders sehen die Herausforderungen im Stadtteil Hikifune in Tokio aus. Es handelt sich dabei um ein dicht bebautes Gebiet im Herzen Tokios, in direkter Nachbarschaft zum Tokyo Sky Tree, dem höchsten Gebäude Japans. Die dortigen Häuser, die oft überwiegend aus Holz bestehen, wurden vor rund 100 Jahren für die Arbeiter der Industrieanlagen in der Umgebung gebaut und sind nur zwei oder drei Stockwerke hoch. Der Gebäudebestand in Hikifune ist einer der ältesten Tokios, da der Stadtteil im Zweiten Weltkrieg weitestgehend unversehrt geblieben ist. Spaziert man durch dieses Viertel, verspürt man die beinahe dörfliche Atmosphäre inmitten der Metropole.

Ein Straßenzug in Hikifune vor dem Tokyo Sky Tree.
foto: simon bohun, marta gerstner
Alte Holzhäuser in Hikifune.
foto: simon bohun, marta gerstner

Straßen als Feuerbarrieren

Die alten Gebäude sind jedoch besonders durch Erdbeben und mögliche darauffolgende Brände gefährdet. Die Stadtregierung greift deswegen zu schwerwiegenden Maßnahmen: Um die Feuer an der Ausbreitung zu hindern, wird ein Netz von breiten Straßen angelegt, das von hohen Gebäuden begrenzt werden soll. Diese Feuerbarrieren erfordern aber natürlich den Abriss der bestehenden Häuser.

Gleichzeitig findet in Hikifune ein moderierter Partizipationsprozess statt, in dessen Zuge versucht wird, gemeinsam mit den Bewohnern aus der Nachbarschaft an Lösungen zu arbeiten, um den Charakter des Stadtteils zu bewahren. Zum Beispiel wird an der Fassade des neuen Gemeinschaftszentrums demonstriert, wie bestehende Gebäude mit feuerfesten Materialien saniert werden können. Ein kleines Café dient als Treffpunkt und Informationsstelle für die Bewohner. Außerdem werden gemeinsam mit den Bewohnern Wassertanks im Stadtviertel verteilt, sodass im Falle eines Brandes Löschwasser für die Nachbarschaft zur Verfügung steht.

Einkaufsstraße in Hikifune.
foto: simon bohun, marta gerstner

Kaum historische Zentren mehr übrig

Diese beiden Beispiele vermitteln ein Bild davon, mit welchen Herausforderungen der Schutz der historischen Bausubstanz in Japan konfrontiert ist. Das Land blickt auf eine lange architektonische und städtebauliche Tradition zurück, allerdings ist es in den verschiedenen Städten schwer, geschlossene historische Zentren ausfindig zu machen. Straßenzüge, die durch die Höhe, das Alter und die Form ihrer Gebäude eine gewisse Durchgängigkeit vermitteln, sieht man vergleichsweise selten.

Dafür gibt es vielfältige Gründe, und man kann davon ausgehen, dass Katastrophen und Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg einerseits dafür verantwortlich sind und die Holzbauweise andererseits. Aber so wie technische Neuerungen relativ schnell von der japanischen Bevölkerung angenommen werden, sind auch Gebäude üblicherweise einem schnelleren Zyklus von Abriss und Neubau unterworfen. (Simon Bohun, Marta Gerstner, 27.11.2017)

Simon Bohun und Marta Gerstner studieren Raumplanung und Raumordnung an der TU Wien.

Der Artikel entstand im Zuge einer Japan-Exkursion der TU Wien im Sommer 2017.

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