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Kinderreha: "Nicht in Zweitbettzimmern denken"

Interview |
24. November 2017, 07:34

Kinderreha in Österreich zu ermöglichen hat sich Bernhard Wurzer vom Hauptverband zur Mission gemacht

STANDARD: Bislang wurden in Österreich Kinder und Jugendliche für eine Reha entweder gemeinsam mit Erwachsenen betreut oder sie mussten nach Deutschland ausweichen. Warum hat die Umsetzung der Kinderreha fast zehn Jahre gedauert?

Wurzer: Wie immer, wenn es um Gesundheit geht, stellt sich die Frage nach der Zuständigkeit. Und wer dafür zahlt. Wir konnten uns nach langen Verhandlungen mit den Ländern auf ein Co-Finanzierung einigen. Zudem ist der Bedarf an Kinderreha in Österreich nicht so groß, dass Zentren notwendig wären, die jeweils mehrere hundert Betten umfassen. Wir mussten also den Spagat zwischen einer möglichst effizienten Einrichtung und einer regionalen Abdeckung, die eine wohnortnahe Versorgung ermöglicht, schaffen.

STANDARD: Welche Hürden gab es noch bei der Umsetzung?

Wurzer: Wir mussten die medizinischen Leistungen für die Kinderreha ausschreiben. Das war für uns Neuland, damit gab es in der Sozialversicherung noch keine Erfahrungen.

STANDARD: Nach welchen Kriterien erfolgte der Zuschlag?

Wurzer: Das größte Gewicht hatte die Qualitätssicherung. Dazu zählen etwa die kinder- und familienfreundliche Versorgung, die Qualität der medizinischen Leistungen, die Qualifikation des Personals. Ein weiteres Kriterium war der Preis. Hier wollten wir nicht ein einheitliches Tarifschema pro Indikation für alle Einrichtungen, sondern die Möglichkeit unterschiedlicher Tarife. Der maximale Tagsatz liegt bei 250 Euro. Der dritte Faktor war, dass das Zentrum möglichst rasch in Betrieb geht.

STANDARD: Was ist Ihrer Meinung nach gut gelaufen?

Wurzer: Die Umsetzung des Projekts kann am besten mit "Learning by Doing" beschrieben werden. Da der Hauptverband mit der Kinderreha noch keine Erfahrungen hat, haben wir uns einen anerkannten Kollegen aus Deutschland geholt, der uns bei der Entwicklung der Qualitätskriterien unterstützte. So konnten wir während der Diskussion mit den Anbietern noch laufend Verbesserungen einbringen.

STANDARD: Was zum Beispiel?

Wurzer: In der Denke der österreichischen Rehabilitation dominiert noch immer das Konzept von Ein- und Zweibettzimmern. Das ist in der Kinder- und Jugendreha nicht mehr zeitgemäß. Hier geht der Trend in Richtung familiengerechter, apartmentähnlicher Strukturen, in denen Eltern und Kinder eine Rückzugsmöglichkeit haben. Bei Bedarf sollte dort auch gekocht und gearbeitet werden können.

STANDARD: Wann werden die Zentren in den vier Versorgungszonen Kinderreha anbieten?

Wurzer: Das Zentrum im steiermärkischen Judendorf-Straßengel betreut bereits Kinder nach dem neuen Tarifsystem. Die ersten Einrichtungen, die neu gebaut werden, gehen Februar 2018 in Betrieb. Bis 2019 soll der Plan in Österreich flächendeckend umgesetzt sein.

STANDARD: Werden dort auch Erwachsene behandelt?

Wurzer: Grundvoraussetzung ist, dass es eine räumliche Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenenreha gibt. Wo beides angeboten wird, gibt es einen eigenen Zugang und eine separate Zufahrt zum jeweiligen Bereich. Es kann aber sein, dass ein Teil der Infrastruktur doppelt genutzt wird. Dann muss das aber so organisiert sein, dass beispielsweise vormittags nur die Kinder und nachmittags nur die Erwachsenen behandelt werden.

STANDARD: Wie sieht eine kindergerechte Reha aus?

Wurzer: Es gibt einen unterschiedlichen Bedarf an Therapien im Vergleich zu Erwachsenen. So sind zum Beispiel im Kinder- und Jugendbereich deutlich häufiger Ergotherapien und Logopädien notwendig. Auch das Personal muss auf die Arbeit mit Kindern spezialisiert sein. Was die Infrastruktur betrifft, braucht es Spielecken, Gemeinschaftsräume, Klettergerüste und Spielplätze. Dazu kommt, dass Unterricht für schulpflichtige Kinder während ihres Aufenthalts möglich sein muss. Auch die unterschiedlichen Altersgruppen sollten räumlich getrennt sein. Ein Dreijähriger hat andere Bedürfnisse als ein 14-Jähriger.

STANDARD: In Österreich sind etwa 5000 Kinder so schwer krank, dass sie eine Reha brauchen. In den Zentren wird es insgesamt 343 Betten geben. Wird das reichen?

Wurzer: Wir gehen davon aus, dass 343 Betten reichen. Die Zahl wurde von Experten der Gesundheit Österreich entwickelt und wird – so wie die Rehabetten für Erwachsene – ja auch regelmäßig angepasst. Man muss dabei berücksichtigen, dass nicht jedes Kind jedes Jahr eine Rehabilitation in Anspruch nimmt.

STANDARD: Ist eine Evaluierung vorgesehen?

Wurzer: Bislang war der übliche Weg: Es gibt eine Indikation, es folgt die Bewilligung, dann gibt es die Reha, und fertig. Die Qualitätskontrollen umfassten meist strukturelle Kriterien. Etwa, ob in jedem Zimmer zwei Kleiderhaken vorhanden sind oder die Zentimeterangaben, wie breit ein Bücherregal sein muss, eingehalten werden. Davon will ich weg. Bei der Kinderreha wurde mit den Zentren vereinbart, dass auf Basis der Diagnostik ein Rehaziel definiert und evaluiert wird.

STANDARD: Welchen Stellenwert hat die Kinderreha für Sie?

Wurzer: Ich bin Vater von zwei Kindern, die Reha ist mein drittes. (Günther Brandstetter, 24.11.2017)

Bernhard Wurzer ist Generaldirektor-Stellvertreter im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.

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