Bild: Wunderdoktor

"Wunderdoktor" im Test: Einmal amputieren, bitte!

24. November 2017, 09:41

Das witzige Spiel eines deutschen Entwickler-Geschwisterpaares wandert auf den Spuren von "Papers, Please"

Manchen Spielen sieht man auf den ersten Blick an, dass sie mit viel Liebe gemacht wurden. "Wunderdoktor" (Windows, Mac, Linux, 9,99 Euro) ist so eines. In diesem aus einem Ludum-Dare-Eintrag entstandenen Spiel eines Leipziger Geschwisterpaares verkörpern Spielerinnen und Spieler den titelgebenden Wunderdoktor, der mit seiner rollenden Praxis durch eine seltsame Fantasy-Welt fährt, in der Menschen und Tierwesen nebeneinander leben. Was normale Bürger, Haifischpiraten, Kristallwesen und Vogelmenschen gemeinsam haben, ist eines: Sie alle leiden unter mehr oder weniger exotischen, manchmal ekligen und oft absurden Krankheiten, wegen derer sie sich erwartungsvoll an den Spezialisten wenden.

Das Spielprinzip von "Wunderdoktor" folgt in den Grundzügen jenem von Lucas Popes Indie-Hit "Papers, Please", in dem Spielerinnen und Spieler als Grenzbeamte des fiktiven Ostblockstaates Arstotzka gewissermaßen ihrem Beruf nachgehen und der Bürokratie Genüge tun mussten. Hier wie dort gilt es, die nacheinander antretende Kundschaft durch die Absolvierung einfacher, sich aber summierender Arbeitsschritte zu behandeln. Während aber "Papers, Please" bekanntlich ein politisches, äußerst düsteres Bild von spielerischer Arbeit als Rädchen in einem unpersönlichen Mechanismus beschwört, ist "Wunderdoktor" herzerwärmend freundlich geraten.

Eiterbeulen und korallenartige Gewächse

Sind die Wehwehchen der Patienten zu Beginn noch simpel und schnell behandelbar, steigern sich die Krankheiten schon bald zu komplizierten Verkettungen unterschiedlichster Symptome, die nacheinander korrekt und unter Zeitdruck behandelt werden müssen. So sind Spielerinnen und Spieler bei späteren Patienten etwa gleichzeitig mit dem Ausdrücken von Eiterbeulen, dem Herausziehen von Kristallsplittern, der Amputation korallenartiger Gewächse, der Wundversorgung durch Pflaster oder Zunähen und der Gabe des korrekten Medikaments beschäftigt – eine Prozedur, die angesichts strenger Zeitlimits und zappeliger Patienten auch schon mal in Hektik ausarten kann.

Die einzelnen Behandlungsschritte, die nach und nach im Spiel eingeführt werden, sind kleine Geschicklichkeitstests und Puzzles, die sich erst im späteren Spielverlauf zu richtigen Herausforderungen steigern. Was "Wunderdoktor" so charmant macht, sind die Liebe zum Detail und kleine Überraschungen. Manche der seltsamen Charaktere, die allesamt im Stil hübscher Kinderbuch-Papierfiguren gestaltet sind, finden sich öfter als Patienten ein, ein Detektiv bittet uns um Hilfe beim Ausspionieren seiner Zielperson und bis ganz zum Schluss warten neue Herausforderungen. Die die Handlung umschließende Klammer ist der Kampf gegen einen bösen Pharma-Konzern, dessen Wunderelixier die Patienten nicht gesund, sondern abhängig macht.

Trailer zu "Wunderdoktor".
ghostbutter

Fazit

"Wunderdoktor" ist in Sachen Präsentation ebenso gelungen wie im Hinblick auf Originalität. Sowohl Grafik als auch Sound verströmen sympathischen Charme, und der Humor, mit dem das Spiel seinen Fantasiekrankheiten viel von ihrer Morbidität nimmt, verleiht "Wunderdoktor" auch kindertauglichen Ekelfaktor.

Aber nicht nur junge Spielerinnen und Spieler haben ihren Spaß mit diesem liebevoll gemachten kleinen Spiel, das etwa vier Stunden lang bestens unterhält. Die inhaltliche Relevanz des spielmechanischen Vorbilds "Papers, Please" erreicht "Wunderdoktor" zwar nicht, doch bleibt es ein kleiner Geheimtipp mit viel Herz und Humor. (Rainer Sigl, 24.11.2017)

"Wunderdoktor" ist für Windows-PC, Mac und Linux erschienen. UVP: 9,99 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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Wunderdoktor