Krebsspezialist: "Wir verstehen Zusammenhänge immer besser"

25. November 2017, 07:00

In der Therapie werden die Karten neu gemischt, Immuntherapeutika und zielgerichtete Therapien verändern die Behandlung grundlegend

Die sogenannte zielgerichtete Therapie und die neuen Immuntherapien haben bei Krebs einen radikalen Wandel der Behandlungsmöglichkeiten von Patienten eröffnet. "Die Karten werden neu gemischt. Wir verstehen die Zusammenhänge immer besser", sagt der Koordinator des Comprehensive Cancer Center (CCC) von Wiener AKH und Med-Uni Wien, Christoph Zielinski.

Der Onkologe zeigte sich über die aktuellen Forschungsergebnisse, wie sie zum Beispiel beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) präsentiert wurden, beeindruckt. "Wir haben bei dem Kongress in Madrid vor allem auf zwei Gebieten wesentliche neue Studiendaten gesehen – beim frühen Stadium III des Melanoms und ebenso bei Patienten mit fortgeschrittenem Stadium III des nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms."

In beiden Fällen von bösartigen Erkrankungen waren die medikamentösen Behandlungsformen bisher relativ eingeschränkt, die Erfolge ebenfalls. Doch das ändert sich nun bei einem Teil der Betroffenen. "Beim Melanom scheint man mit einer Behandlung mit dem Immuntherapeutikum Nivolumab gleich gute, wenn nicht bessere Behandlungsergebnisse zu erzielen als mit dem auf einem anderen Wirkprinzip basierenden Ipilimumab", sagt Zielinski.

Ohne Rückfall

Bei Nivolumab und Ipilimumab handelt es sich um sogenannte Checkpoint-Inhibitoren. Diese monoklonalen Antikörper beseitigen die normalerweise im Rahmen bestimmter Tumorerkrankungen erfolgende Unterdrückung der körpereigenen Abwehr. Die beiden Biotech-Arzneimittel tun das über unterschiedliche Wirkungsmechanismen. Jeffrey Weber vom Perlmutter Cancer Center in New York präsentierte Daten von 906 Patienten mit einem operierten Melanom im Stadium III oder IV mit einem direkten Vergleich der Behandlung mit dem einen oder dem anderen monoklonalen Antikörper.

Nach einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 18,5 Monaten zeigte sich, dass unter jenen Patienten, welche mit Nivolumab behandelt worden waren, 66,4 Prozent ohne einen Rückfall blieben. Unter der Therapie von Ipilimumab war das bei 52,7 Prozent der Fall. Der Unterschied war hoch signifikant. Da Nivolumab auch seltener schwere Nebenwirkungen verursacht, könnte diese Vergleichsstudie wichtig für zu zukünftige Behandlung von Melanompatienten mit fortgeschrittener Erkrankung werden.

"Wir wissen auch immer besser, worin die Unterschiede dieser Checkpoint-Inhibitoren liegen. So dürfte Ipilimumab seinen Effekt eher über das Mikroenvironment des Tumors ausüben. Das könnte wichtig für die Entwicklung von Kombinationstherapien mit Strahlen oder zielgerichteten Medikamenten oder anderen Mitteln werden", sagt Zielinski. Etwa 20 Prozent der Krebskranken, die mit solchen Checkpoint-Inhibitoren behandelt werden, zeigen ein langfristiges Ansprechen auf die Therapie. Allerdings kann man derzeit noch nicht identifizieren bzw. vorhersagen, bei welchem Behandelten das wirklich der Fall sein wird. Kombinationen mit anderen Therapieformen sollen die Erfolgsraten erhöhen.

Bestimmte Mutationen

Eine ähnliche Rolle könnte eine Studie mit Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkarzinom (Stadium III) unter der Verwendung des zielgerichteten Medikaments Osimertinib im Vergleich zu älteren derartigen Medikamenten haben. Bei den Kranken unter Behandlung mit dem neueren Medikament kam es 18,9 Monate lang zu keinem Fortschreiten des Tumorleidens, in der Vergleichsgruppe bereits durchschnittlich nach 10,2 Monaten. Osimertinib und vergleichbare Arzneimittel wirken nur, wenn die Tumorzellen bestimmte Mutationen im Gen für den Rezeptor des Wachstumsfaktors EGF (Rezeptor: EGFR) aufweisen. Das ist bei rund zwölf Prozent Lungenkarzinompatienten der Fall.

Bisher bestand die Standardtherapie solcher Patienten vor allem aus einer Chemotherapie mit Cisplatin oder ähnlichen Zytostatika. Arzneimittel der zielgerichteten Krebstherapie sind insgesamt besser verträglich. Allerdings entwickeln die Tumoren Resistenzen. In Zukunft würde es wohl auf die Identifizierung möglichst wirksamer Kombinationstherapien – nunmehr auch unter Verwendung der Immuntherapeutika – ankommen, betont Zielinski. (APA, 25.11.2017)