Foto: REUTERS/Gustau Nacarino

Bewerben im Dunkeln als neues Mittel gegen Diskriminierung

30. November 2017, 12:00

Anonymisierte Bewerbungen sollen zu mehr Objektivität führen. Aldi Süd testete nun Vorstellungsgespräche in einer "Blackbox"

Stellensuchende mit ausländisch klingenden Namen haben nachweislich schlechtere Chancen, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Umfragen unter Recruitern zeigen, dass das Foto eines Bewerbers oder einer Bewerberin nach wie vor ausschlaggebend dafür ist, wie er oder sie beurteilt wird.

Zu mehr Objektivität führen sollen sogenannte anonymisierte Bewerbungen. Sie enthalten keine personenbezogenen Daten wie Geschlecht, Alter, Herkunft und religiöse Einstellung und auch kein aussagekräftiges Bewerbungsfoto. In den USA sind sie bereits Usus, ebenso in skandinavischen Ländern. In Deutschland experimentieren große internationale Betriebe bereits mit dieser Art des Recruiting.

Bewerbung in der "Blackbox"

Die deutsche Supermarktkette Aldi Süd stellte nun eine weitere Innovation vor: Vorstellungsgespräche in völliger Dunkelheit. Auf einer Karrieremesse in Köln saßen sich Personaler von Aldi und Besucher in einer "Blackbox" gegenüber, wie der "Business Insider Deutschland" berichtet.

"Wir wollen ein Gespräch ohne Vorurteile — weder vonseiten der Bewerber noch vonseiten des Unternehmens", sagt Sabine Grobara, die das Konzept entwickelt hat. Ein 25-jähriger Besucher nennt den Versuch in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" "spannend". Er berichtet, dass er währenddessen nicht aufgeregt gewesen sei – vermutlich weil er nicht wusste, wer ihm gegenübersitzt. "Man konzentriert sich nur auf die Stimme."

Das Bewerbungsgespräch im Dunkeln bleibt aber – zumindest vorerst – ein Experiment. Wer sich für einen Job bei Aldi Süd interessiert, muss nach wie vor einen Lebenslauf mit Klarname und Foto einreichen.

Fans des Anonymisierens

Was Arbeitgeber in Österreich von anonymen Bewerbungen halten, untersuchten Soziologiestudierende der Uni Graz und befragten dafür Klein- und Mittelunternehmen. Das Ergebnis: Die meisten halten am konventionellen Lebenslauf fest. Besonders den Namen und das Foto halten die Personalverantwortlichen offenbar für unverzichtbar, um einen Eindruck von der Persönlichkeit eines Bewerbers zu erhalten.

Weiters gaben die Unternehmen an, dass die Einführung eines anonymisierten Verfahrens aufgrund des Aufwands hohe Kosten mit sich brächte – zugleich aber eine mögliche Diskriminierung nicht verhindern würde.

Fans anonymisierter Bewerbungen

Wie Stellensuchende zu anonymisierten Bewerbungen stehen, hat wiederum die Universität Bamberg in einer Studie erhoben. Die Befragten zeigten sich tendenziell eher offen für die Methode. Für ein Viertel der 4.800 Teilnehmer hat sie mehr Vor- als Nachteile.

Experten können dem anonymisierten Bewerben ebenfalls einiges abgewinnen. "Menschen treffen Entscheidungen immer auch unter emotionalen Gesichtspunkten. Da man sich davon nie ganz freimachen kann, kann Anonymität hilfreich sein, um Objektivität zu fördern", sagte Frank Schröder, Bewerbungsexperte der Europäischen Fachhochschule in Brühl, zur "FAZ".

Wie man es sagt

Auch Gernot Mitter, Experte für Arbeitsmarktpolitik in der Arbeiterkammer, hält anonymes Bewerben für einen ersten wichtigen Schritt gegen Diskriminierung. Menschen dürften nicht deswegen aussortiert werden, weil ihr Name auf "ić" endet oder ihre Hautfarbe dünkler ist. Aber Mitter betont auch, dass die eigentliche Diskriminierung in den Vorstellungsgesprächen stattfinde.

Wieso also nicht im Dunkeln interviewen? Bewerbungsexperte Schröder hält ein komplett anonymes Gespräch wie in der Blackbox nur für begrenzt sinnvoll – schließlich komme man schnell an einen Punkt, an dem es mehr zu bewerten gebe als nur das gesprochene Wort. "Kurz gesagt: Es ist nicht nur entscheidend, was gesagt wird, sondern auch, wie." (lib, 30.11.2017)