Afrika muss auf der EU-Agenda ganz oben stehen

Kommentar der anderen |
28. November 2017, 15:46

Bis zu 40 Milliarden Euro: Europa steht hinter einem ehrgeizigen Investitions- und Partnerschaftsprogramm

Nach Jahren der Vernachlässigung, unerfüllter guter Vorsätze und verpasster Gelegenheiten müssen die Beziehungen zwischen Europa und Afrika auf Anfang zurückgesetzt werden. Es ist nun Zeit für einen Paradigmenwechsel, bei dem der afrikanische Kontinent ganz oben auf die politische Agenda der EU gesetzt wird, bevor es zu spät ist.

Unsere Verbindungen reichen weit über rein geografische Nähe hinaus. Wir haben gemeinsame Werte, eine gemeinsame Religion, gemeinsame Sprachen und strategische Interessen, aber auch viele gemeinsame Herausforderungen.

Bis 2050 wird Afrika 2,5 Milliarden Einwohner haben. Diese demografische Entwicklung ist Problem und Chance zugleich. Die afrikanischen Länder haben mit Wüstenbildung, Hungersnot, Pandemien, Terrorismus, Arbeitslosigkeit und schlechter Regierungsführung zu kämpfen, die die Instabilität fördern und zu unkontrollierter Einwanderung beitragen. Riesengroße neue Generationen ohne Hoffnung werden auf der Suche nach einem besseren Leben in andere Länder aufbrechen, und zwar vor allem nach Europa. Wenn aber echte Wege zu Wohlstand in Afrika eingerichtet werden, entstehen Anreize für junge Männer und Frauen, in ihrer Heimat Wohlstand zu schaffen. Die Afrikaner zeigen, dass Afrika bereits ein Kontinent voller Möglichkeiten ist, denn dort befinden sich fünf der weltweit am schnellsten wachsenden Wirtschaftsräume im Jahr 2016 mit Wachstumsraten über sieben Prozent.

Europa ist ein Freund

Das Schicksal Afrikas liegt in seinen Händen, und Europa ist ein Freund. Seit der Umsetzung der Gemeinsamen Strategie Afrika-EU sind zehn Jahre ins Land gegangen, und die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Europa war nicht mutig genug, wenn es darum ging, wirksame Mittel bereitzustellen, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Statt unsere Stellung als wichtigster Partner in Afrika zu konsolidieren, verlieren wir zusehends an Boden, was ausländische Direktinvestitionen betrifft, während China und andere Konkurrenten wie die Türkei, Indien und Singapur aufholen.

Das fünfte Gipfeltreffen Afrikanische Union / Europäische Union in Abidjan, bei dem mehr als 80 Staatschefs zusammenkommen, findet zu einem kritischen Zeitpunkt statt. Es ist der ideale Anlass für uns, um unsere gegenseitigen Verpflichtungen neu zu beleben, zu stärken und wirksamer zu gestalten. Die Grundlage einer erneuerten Partnerschaft zwischen Gleichgestellten sollte darin bestehen, dass wir die Dinge durch die afrikanische Augen sehen und einen auf die Menschen gerichteten Ansatz verfolgen. Unsere gemeinsame Geschichte ist komplex. Dank ihr können wir aber auch Brücken schlagen, zu denen andere nicht in der Lage sind.

Unser gemeinsames Ziel muss es sein, echte Chancen für junge Menschen zu bieten und ihnen zu ermöglichen, zu einem wesentlichen Bestandteil eines blühenden, starken und modernen Kontinents zu werden. Wenn wir dies erreichen, kann auch Europa in ungeahntem Maße profitieren, was hilfreich sein kann, wenn es gilt, die Ursachen für unkontrollierte Migration anzugehen, indem Arbeitsplätze und Wachstum durch tragfähige Investitionen in Afrika gefördert werden.

Der Investitionsplan über 3,4 Milliarden Euro, der im Juli 2017 vom EU-Parlament genehmigt wurde, ist ein wichtiger Schritt. Es ist jedoch nicht genug. Um die Bemühungen des Kontinents um die Schaffung einer nachhaltigen industriellen Basis, einer modernen Landwirtschaft, eines besseren Zugangs zu Wasserversorgung, effizienter Infrastruktur, Energie aus erneuerbaren Quellen und Digitalisierung zu unterstützen, brauchen wir einen Marshallplan für Afrika. Es gilt, Aufmerksamkeit zu wecken und eine politische Einigung zu erzielen, damit wenigstens 40 Milliarden Euro im nächsten mehrjährigen EU-Haushaltsplan einem ehrgeizigen Partnerschafts- und Investitionsprogramm zugewiesen werden.

Dadurch können wir starke ökonomische Diplomatie fördern, Wissen austauschen, Technologietransfers in Gang setzen und Fähigkeiten verbessern und für KMUs und Unternehmern ein Umfeld schaffen, das dem Wachstum förderlich ist. Dies kann helfen, eine Mittelklasse zu schaffen, die Symbol einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte Afrikas werden kann. (Antonio Tajani, 28.11.2017)

Antonio Tajani (64) ist Präsident des Europäischen Parlaments.