Foto: Reuters/Epic (Bearbeitung: Der Standard)

Kampf gegen Cheater: Kinder verklagen ist keine Lösung

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30. November 2017, 09:27

Epic Games klagte 14-jährigen "Fortnite"-Spieler – wohl um einen Präzedenzfall zu setzen

Sie sind das Begleitphänomen von fast jedem erfolgreichen Online-Game: Cheater. Mitspieler, die aus Spaß an der technischen Herausforderung, für kurzfristiges Erfolgsgefühl oder schlicht Lust an der Enttäuschung anderer Gamer zu unlauteren Mitteln greifen. Wallhacks, Aimbots und andere Hilfsmittel verleihen ihnen am digitalen Schlachtfeld Superkräfte, gegen die selbst geübte Spieler machtlos sind.

Was passiert, wenn die Schummelei außer Kontrolle gerät, mussten in den vergangenen Wochen die aktuellen Online-Hits "Playerunknown’s Battlegrounds" (PUBG) und "Fortnite" erfahren, die jeweils über 20 Millionen Spieler haben. Gerade das boomende Genre des "Battle Royale", in dem Einzelspieler und Teams sich in einem stetig kleiner werdenden Spielareal darum matchen, wer als letzter überlebt, scheint besonders attraktiv für derlei Betrug zu sein.

14-Jähriger Cheater soll vor Gericht

"Fornite"-Hersteller Epic setzt nun auf Abschreckung und hat Klage gegen zwei Cheater eingereicht. Beide sollen zigfach gesperrt worden sein und sich dementsprechend oft neu angemeldet haben. Zur Last gelegt wird ihnen auch, anderen Nutzern per Beratung und Youtube-Video Hilfestellung bei der Verwendung von Schummelsoftware und Umgehung von Sicherheitsmechanismen gegeben zu haben. Der Haken: Einer der Angeklagten ist 14 Jahre alt.

Die Spielerschaft ist sich im Wesentlichen einig darüber, dass Cheaten in Online-Games unerwünscht ist, weil es anderen Spielern den Spaß zerstört. Dazu kann es auch indirekt zu finanziellen Einbußen für den Hersteller führen, wenn dadurch faire Teilnehmer dauerhaft vertrieben werden. Argumentativ schlägt auch Epic in diese Kerbe und fordert Schadenersatz.

Vorverurteilung ist unangemessen

Mit Vorverurteilungen sollte man allerdings vorsichtig sein, denn in vielerlei Hinsicht steht es hier Wort gegen Wort. Unzweifelhaft ist, dass der Bub Schummelsoftware eingesetzt hat. Diese habe er von der Website ihres Anbieters "Addicted Cheats" heruntergeladen, sagt seine Mutter in einer Erklärung an das Gericht.

Die anderen Vorwürfe seitens Epic weist sie zurück. Ihrer Ansicht nach könne der Hersteller nach gar keinen Schaden beziffern, da der "Battle Royale"-Modus des Games prinzipiell kostenlos zugänglich sei. Außerdem habe man durch die Nennung eines Namens die Gesetze des Bundesstaates Delaware verletzt. Und sie habe niemals ihre Einwilligung dazu gegeben, dass ihr Sohn "Fortnite" spiele, obwohl die Nutzungsbedingungen dies vorsehen würden.

Klagen gegen Spieler sind heikel

Diese Argumentation ist teilweise richtig und teilweise hanebüchen. Problematisch ist ihr Verweis auf die fehlende Einwilligung ihrerseits. Denn ihr Sohn hat das Spiel offenkundig schon länger gespielt und offenbar Geld für die Schummelsoftware ausgegeben, zumal "Addicted Cheats" die Programme nur kostenpflichtig anbietet. Dass es bei der Anmeldung keinen zusätzlichen Abfragedialog für das Alter des Spielers gibt und die notwendige Einwilligung nur in den AGB formuliert ist, könnte zwar rechtlich relevant sein – doch dass man als Elternteil über Wochen oder Monate nicht mitbekommt, was das eigene Kind so am Computer macht, ist ein denkbar schlechter Anlass für diesen Einwand.

Nichtsdestotrotz tut sich Epic mit dieser Klage keinen Gefallen. Prozesse gegen Spieler sollten mit äußerster Vorsicht angegangen werden. In diesem Fall gibt es aber Indizien dafür, dass man vor der Anrufung des Gerichts gar nicht wusste, es mit einem 14-Jährigen zu tun zu haben – das Rezept für einen potenziellen PR-Gau. Ein "Sündenbock", wie seine Mutter proklamiert, ist er dennoch nicht. Eher ein Opfer unsauberer Recherche. Und ob ein Urteil gegen einen volljährigen Cheater das erwünschte Abschreckungspotenzial hat, bleibt zumindest fraglich.

Die Quelle zum Versiegen bringen

Effektiver wäre es wohl, juristische Maßnahmen gegen "Addicted Cheats" und andere Anbieter zu setzen, die ihr Geld durch die kommerzielle Bereitstellung von Schummelsoftware verdienen. Die wenigsten Cheater entwickeln ihre unfairen Hilfsmittel selbst, sondern verlassen sich auf vorgefertigte Lösungen. Das ist freilich nicht einfach, würde sich als Mittel aber gegen die Quelle des Problems richten.

Das wichtigste Werkzeug im Kampf gegen die Schummler müssen jedoch technische Maßnahmen bleiben. Dass Spieler in "PUBG" und "Fortnite" in der mehrfachen Geschwindigkeit eines Autos über die Karte laufen und mit aberwitzigen Killstatistiken in den Rankings landen können, ohne dass irgendeine Art von Alarm ausgelöst wird, ist aus Nutzersicht völlig unverständlich.

Spieler müssen Haltung zeigen

Das alles ist natürlich kein Freifahrtschein für jene Spieler, die fairen Wettbewerb verunmöglichen. Es ist wichtig, dass die Gamergemeinden auf allen Plattformen und Kanälen keinerlei Toleranz für ein solches Verhalten zeigen. Es wäre falsch, ausschließlich die Entwickler dafür verantwortlich machen, wenn sie nicht jeden einzelnen Schummelversuch unterbinden können.

Denn: Nicht alles ist legitim, nur weil man es kann. Was für Doping in Leichtathletik, Radsport und Fußball gilt, sollte auch für Onlinegaming gelten – egal ob im professionellen Bewerb oder beim Zeitvertreib auf öffentlichen Servern. (Georg Pichler, 30.11.2017)