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Schulpläne aus der "old school"

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1. Dezember 2017, 08:06

Nicht alles ist schlecht, was Türkis-Blau in Sachen Bildung plant. Einiges schon. Neu und innovativ ist eigentlich gar nichts

Man soll ja nicht immer nur negativ sein. Daher zuerst einmal das Gute an den türkis-blauen Koalitionsverhandlungen zum Thema Bildung: Die Lehrpläne sollen entrümpelt werden; die digitale und unternehmerische Kompetenz der Schülerinnen und Schüler soll erhöht werden; die Ganztagsschulen sollen ausgebaut werden, endlich, endlich will man den Ethikunterricht einführen. Gut so, wenn all das so kommt.

Viel mehr als Überschriften sind das bis dato nicht. Allerdings war das auch bei früheren Regierungsprogrammen der Fall. Sie sind letztlich Absichtserklärungen, die dann in den folgenden Jahren mit Leben erfüllt und umgesetzt werden müssen.

Pflicht, Leistung, Strafe

Ins Auge sticht aktuell freilich anderes: In der Volksschule sollen wieder verpflichtend Schulnoten eingeführt werden, der Übergang von der Grund- zur Sekundarstufe soll mitnichten fließender werden (was Experten unisono dringend empfehlen). Stattdessen gibt es ein "Bekenntnis zum Gymnasium", man spricht von Leistung und von Pflicht, und wenn von "Förderung" die Rede ist, muss man im Gegenschuss die Worte "Kürzung" und "Strafe" nicht lange suchen.

All das klingt, als habe man sich auf den Schulbänken der 1980er-Jahre pudelwohl gefühlt. Zur Erinnerung: Es war schon ein langer Weg, vor allem die Standesvertretung der Lehrerinnen und Lehrer dorthin zu bringen einzusehen, dass die verbale Beurteilung von Schülern nicht nur "mehr Arbeit macht", sondern grundsätzlich sinnvoll ist – das sagt nicht nur die bei weitem überwiegende Zahl der Experten, das sagt auch die Erfahrung, wenn man mit echten Kindern zu tun hat.

Schule als Zäsur

Und dass man am Ende des Schuljahres nicht weiß, wie es wirklich um die Kenntnisse der Kinder bestellt ist, stimmt so auch nicht: Beim "Zeugnisgespräch" mit Eltern und Lehrern wird schon klar, was die Kleinen können und wo sie noch üben müssen.

Der Wechsel vom Kindergarten in die Volksschule ist eine Zäsur im Leben jedes Kindes: Plötzlich muss man früh aufstehen, lange still sitzen, man muss sich sehr ausdauernd konzentrieren, die kleinen Fluchten, die es im Kindergarten gab, wenn man müde wurde, sind plötzlich versperrt. Es gibt Kinder, die mit diesen Veränderungen gut umgehen können, und es gibt Kinder, die brauchen ein Weilchen dafür. Die "Schulreife", die zu einem bestimmten Zeitpunkt punktuell festgestellt wird, ist ein dehnbarer Begriff. Bei manchen dauert es bis zur zweiten Klasse, dass sie mit der neuen Situation umgehen können – unabhängig davon, ob sie gut Deutsch sprechen oder nicht. Es geht hier um soziale Reife.

Druck in der Vierten

Das Notensystem sagt darüber genauso wenig aus wie Smileys. Schriftliche Beurteilung kann da mehr, und was die Vergleichbarkeit betrifft, ist das eine wie das andere schwierig. Schließlich sind es Lehrer, Menschen, die Noten oder andere Beurteilungen schreiben. Wie sie das tun, liegt in ihrem Ermessensspielraum. Dass der Stress für Viertklässler oft kaum bewältigbar ist, weil es ja darum geht, mit "lauter Einsern" in einem Gymnasium angenommen zu werden, ist den Koalitionsverhandlern offenbar egal: Am Gymnasium, wo sich seit den 1980er-Jahren wenig geändert hat, darf ja bekanntlich nicht gerüttelt werden, dort soll man sich weiter die Kinder aussuchen dürfen, die man mit Old-school-Unterricht beglückt. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Dass gute Deutschkenntnisse die Voraussetzung für den Eintritt in die Volksschule sein sollen, ist wiederum grundsätzlich vernünftig. Allerdings brächte es mehr, die Kindergärten finanziell so auszustatten, dass der Spracherwerb schon im Kleinkindalter gefördert wird – inklusive logopädischer Betreuung, wenn ein Kind sprachverzögert ist.

Stiefkind Elementarstufe

Davon ist bis dato nicht die Rede im türkis-blauen Regierungsprogramm, genauso wenig wie von besserer Ausbildung und besserer Bezahlung für Elementarpädagoginnen. Diese zu stärken und zu fördern wäre sinnvoller, als Vorschulkinder mit mangelnden Deutschkenntnissen (auch sprachverzögerte?) in eigene Vorbereitungsklassen zu stecken.

Sehr interessant wird noch, wie man sich die leistungsgerechte Bezahlung von Lehrern im Detail vorstellt. Wer soll deren Leistung beurteilen? Und, noch interessanter: Was sagt die Lehrergewerkschaft dazu, wenn erst einmal die Einzelheiten feststehen? To be continued. (Petra Stuiber, 1.12.2017)