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"Outcast: Second Contact" im Test: 1999 war das noch Kult

Rezension |
1. Dezember 2017, 10:00

Das Remake ist nur etwas für Fans. Alle anderen werden damit weniger glücklich

Als "Outcast" 1999 erschien, war es ein Exot – und allein schon dadurch kultig. Als eines der ersten Spiele bot es ein Open-World-Konzept, das dem heute gängigen recht nahe kam, eine im wenig verwendeten Voxel-Look gestaltete Welt, die für damalige Verhältnisse unglaublich organische Formenpracht erlaubte, und aufwendige Sprachausgabe nah am Vorbild Hollywoods.

Bereits 2014 gab es mit der Version 1.1 des Originals ein von der treuen Fangemeinde heiß herbeigesehntes Projekt zur Rundumerneuerung des Klassikers, nun ist mit "Outcast: Second Contact" (PS4, Xbox One, Windows, 34,99 Euro) ein nochmals weitaus grundlegenderes Remake des Spiels erschienen. Die Entstehungsgeschichte war holprig, trotz gescheiterter Kickstarterkampagne erstrahlt das Science-Fiction-Spiel, das seine franko-belgischen Wurzeln in seiner bunt-fantasievollen Ästhetik nicht verleugnet, aber nun dennoch in neuem Glanz. Auf Voxeltechnologie wurde diesmal übrigens verzichtet.

In fremden Welten

Die Handlung, kurz umrissen: In der Figur des Soldaten Cutter Slade landen Spielerinnen und Spieler in einer fremden Dimension, um eine Bedrohung für die Erde auszuschalten. Die Mission verläuft allerdings anders als geplant: Getrennt von Kollegen und Ausrüstung muss sich Slade in einer fremden Kultur zurechtfinden, um den Auftrag noch zu beenden, und nebenbei als prophezeiter Retter die Alien-Welt von einem Tyrannen befreien.

18 Jahre nach seiner erstmaligen Veröffentlichung ist die Größe und Schönheit der Welt von "Outcast" zwar nicht mehr so atemberaubend wie damals, aber sie bleibt dennoch die Hauptattraktion auch in "Second Contact". Zwar macht das Spiel aktuellen Grafik-Wundern keine Konkurrenz, doch die Liebe, mit der die Welt gestaltet ist, kommt im zeitgemäßen Engine-Gewand noch weitaus deutlicher zur Geltung als zuvor. Die unterschiedlichen Landschaften können frei erforscht werden, und das Kennenlernen der fremdartigen Welt macht auch 2017 noch den größten Spaß. Im Verlauf der Handlung wollen zahllose kleine und auch größere Missionen absolviert und eine Vielzahl an einzigartigen Orten besucht werden; die Handlung selbst ist bekannt solide und wartet auch mit Überraschungen auf.

Nur mit Nostalgiebonus

Wer die nostalgisch rosa verklärte Brille aufhat, wird in "Outcast: Second Contact" auch die perfekte Version seines Lieblingsspiels aus vergangenen Tagen wiederfinden, alle anderen seien allerdings spätestens jetzt gewarnt: Dass hier ein Spiel mit einer Entstehung in einem anderen Jahrhundert vorliegt, sieht man zwar nicht mehr an der Grafik, aber man bemerkt es dennoch an allen Ecken und Enden.

Am augenscheinlichsten zeigt sich das interessanterweise an der aus dem Original übernommenen Vertonung und, damit einhergehend, an den Figuren selbst. Die deutsche Synchronstimme ist hyperprominent besetzt: Manfred Lehmann, besser bekannt als die deutsche Stimme von Bruce Willis, macht Cutter Slade so gründlich zum Abziehbild des 90er-Jahre-Actionhelden, dass auch die später im Spiel erfolgende Differenzierung der Figur nicht mehr viel rettet. Die flotten Sprüche, das arrogante Gehabe, die coolen One-Liner würden "Outcast", wäre es ein Film, in die hintersten Winkel billigster Straight-to-Video-C-Movie-Videotheken verdammen. Natürlich war dies damals Standard in Games – die heute auffallenden platten Stereotypen zeigen aber immerhin, dass sich das Medium Videospiele in den zwei Jahrzehnten seither zum Glück gründlich weiterentwickelt hat.

Spielmechanisch alt

Nun würde man über die Figurenzeichnung hinwegsehen können, wäre das Gameplay zeitlos, wie das etwa beim "Half-Life"-Restaurationsprojekt "Black Mesa" der Fall ist. Leider lässt sich auch das im Fall von "Outcast" nicht behaupten. Die schwammige Steuerung macht Sprünge oder Ausweichmanöver zum nervigen Geduldsspiel, die Kollisionsabfrage ist oft katastrophal schlecht und die Kämpfe sind aus diesen Gründen eher Nerven- denn Geschicklichkeitstests – und das war schon im Original nicht sehr viel anders.

Dass sich das Spiel nicht primär als Action-Spiel, sondern auch als aufwendig gestaltetes Adventure mit leichten Rollenspielanklängen sieht, bemerkt man schon bald in den unzähligen Dialogen, die zu absolvieren sind. Das Original war berüchtigt dafür, die Fantasiewörter der Aliensprache großzügig zur Anwendung zu bringen – dass man als Ulukai die Mons der Yods besorgen sollte, war dabei noch die einfachste Vokabelaufgabe. Dankenswerterweise werden die Alienwörter in "Second Contact" nun gleich mitübersetzt, wie überhaupt das Interface radikal – vielleicht zu radikal – verschlankt wurde. Jedenfalls sieht man sich quasi ununterbrochen bedeutungsschwangeren Reden und damit einhergehend unzähligen Kleinstaufgaben ausgesetzt, die oft über Fetch-Quests nicht hinauskommen. Auch da ist man heutzutage durchaus mehr Abwechslung gewohnt.

Video: Trailer zu "Outcast: Second Contact".
bigben games

Fazit

"Outcast: Second Contact" ist etwas, das man sich als Spielefreund oft – und ohne näher darüber nachzudenken – wünscht: ein Remake eines klassischen Spiels in zeitgemäßer Aufmachung. Dass die Erfüllung des Wunsches auch mit der Zertrümmerung so mancher schöner Erinnerung einhergehen kann, bedenkt man dabei eher selten. Obwohl: Wer "Outcast" innig geliebt hat, wird mit "Second Contact" durchaus glücklich werden. Wer allerdings meint, einen bislang unbekannten Klassiker so nachholen zu können, wird sich eventuell darüber wundern, was dessen Kultstatus überhaupt begründet hat.

Es ist vielleicht ungerecht, Spiele aus der Vergangenheit für ihre historischen Versäumnisse aus heutiger Sicht zu tadeln. Sagen wir es deshalb so: An "Outcast: Second Contact" sieht man wunderbar, dass im Medium Videospiele wider alle Unkenrufe durchaus rasante Fortschritte stattfinden – und das beileibe nicht nur in Sachen Grafik. Ein Nostalgietrip für all jene, die die rosa Brille parat haben. (Rainer Sigl, 1.12.2017)

"Outcast: Second Contact" ist für PS4, Xbox One und Windows-PC erschienen. UVP: 34,99 Euro.

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