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Der Kreml baut ein "russisches Internet"

30. November 2017, 10:34

Regierung in Moskau will eigenes DNS-System für Russland und andere BRICS-Staaten – Backup für "globale Internetprobleme"

Russland möchte für sich und die anderen BRICS-Staaten (Brasilien, Indien, China und Südafrika) eine alternative Internetinfrastruktur aufbauen. Das gab der Kreml über die staatliche Nachrichtenagentur Tass bekannt. Auch der vom Kreml finanzierte Sender Russia Today berichtet gleichlautend.

Defensive und Offensive

Die Einrichtung eigener Domain Name Server (DNS), die unter anderem für die Zuweisung von URLs zu IP-Adressen zuständig sind, soll künftig als Backup-Lösung dienen, sollte es etwa zu "globalen Internetproblemen" kommen. Offiziell geht es also um nationale Sicherheit, doch die Pläne könnten auch mit dem Ausbau der eigenen Offensiv-Kapazitäten im Cyber-Bereich zu tun haben, schreibt Defense One.

Der russische Sicherheitsrat hat das Vorhaben bereits im Oktober besprochen. Es gelte, den "zunehmenden Fähigkeiten westlicher Nationen zur Durchführung offensiver Cyberoperationen im internationalen Raum" und der "zunehmenden Bereitschaft, diese auch anzuwenden" etwas entgegen zu setzen. Man spricht von einer Gefahr für die nationale Sicherheit.

Soll bis August bereit sein

Bis zum ersten August soll nach Festlegung von Präsident Wladimir Putin das alternative DNS-System fertig sein. Das Vorhaben ist politisch nicht überraschend. Vor allem Russland und China machen sich auf internationaler Ebene schon lange für mehr nationale Kontrolle über Internetinfrastruktur über die internationale Telekom-Union der Vereinten Nationen stark. Bislang ohne Erfolg.

2014 haben die USA angekündigt, die Kontrolle der DNS-Datenbanken über die ICANN an eine Nichtregierungsorganisation mit internationalen Unterstützern übergeben zu wollen, was nationale Einflussnahme stark erschwert. Der Kreml pflegt, die USA als "Chefadministrator des globalen Internets" zu bezeichnen.

Erleichtert Angriffe

Auf den ersten Blick erscheint das DNS-System für die BRICS-Staaten wie eine protektionistische Maßnahme. Man schafft nicht nur eine Backup-Lösung, sondern ein System, auf das man auch selber in vielerlei Art deutlich mehr Einfluss nehmen kann. Relevant ist es aber auch für eigene Angriffspläne im Cyberspace. Wer sich auf diese Weise mit seinen wichtigsten Handelspartnern vernetzt hat, geht ein geringeres Risiko bei Gegenschlägen nach eigenen Hacks ein.

Im militärischen Bereich verfügen sowohl Russland, auch als die USA bereits über ein alternatives Datennetzwerk. Das US-System nennt sich Joint Worldwide Intelligence Communications System (JWICS), die ihm nachempfundene, russische Variante heißt Closed Data Transfer System.

Unabhängigkeitsbestrebungen

Der Vorstoß mit dem eigenen DNS-System für das öffentliche Internet ergänzt die Bestrebungen des Landes, sich von Technologie aus anderen Staaten möglichst unabhängig zu machen. Mittlerweile versucht man, eigene Mikrochips zu entwickeln. Im Verwaltungsbereich ist man dabei, Microsoft-Lösungen durch Software russischer Anbieter zu ersetzen. (gpi, 30.11.2017)