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Schöne bildungspolitische Bescherung

Kommentar der anderen |
30. November 2017, 15:47

Nach einem "Brainstorming without brain" haben die prospektiven Koalitionäre es geschafft, über eine "Bildungsreform" Konsens zu erzielen, die jede wissenschaftliche Evidenz gekonnt ignoriert

Niemand hat von den türkis-blauen Koalitionsverhandlern einen großen, stimmigen Schulreformentwurf erwartet, aber was Kurz und Strache zum Thema Bildung vorgelegt haben, ist nicht mehr als ein Sammelsurium von unverbindlichen Überschriften, unüberlegten Vorschlägen und untauglichen Vorhaben. (Es fehlt bloß die Wiedereröffnung von schulischen Raucherzimmern für Oberstufenschüler, aber es wird ja noch nachverhandelt. Strache ist bekanntlich der Schutzpatron der Raucher, und warum sollen nicht mündige, wahlberechtigte 16-Jährige frei darüber entscheiden können, ob sie in der Zehn-Uhr-Pause an ihrem Lungenkrebs arbeiten wollen?)

Das Beunruhigende an diesem "Brainstorming without brain" der FPÖVP-"Bildungsexperten" sind seine "soziale Kälte" und das die Voraussetzungen und Konsequenzen vernachlässigende Herumbasteln am sensiblen System Schule; das Alarmierende daran ist das Ignorieren der einschlägigen Bildungsforschung und der internationalen Schulentwicklung. Um nur drei Punkte herauszugreifen, zu denen es massive wissenschaftliche Evidenz gibt: die Wiedereinführung der Ziffernnoten ab der 1. Klasse Volksschule, die "Bildungspflicht" und die Ermächtigung von AHS, sich ihre Schüler autonom auszusuchen.

Mängel von Ziffernnoten

Überall brauchen Kinder und ihre Eltern eine faire, objektive und ermutigende Rückmeldung über den Lernfortschritt und die Stärken und Schwächen ihres Kindes. Die Strache'sche Forderung nach Wiederherstellung der "Notenwahrheit" ist allerdings peinlich naiv. Bildungsforscher wie der Deutsche Karlheinz Ingenkamp und der Innsbrucker Rudolf Weiss sind berühmt geworden mit ihren Studien über die Mängel von Ziffernnoten; da sie auf einem lehrer- bzw. klassenspezifischen Maßstab beruhen, fehlt es ihnen an Objektivität und Vergleichbarkeit; sie täuschen eine Exaktheit vor, die sie nicht haben; sie geben keine diagnostischen Aussagen über den Lernfortschritt, und sie berücksichtigen nicht die Bedürfnisse und Möglichkeiten des einzelnen Schülers.

Andreas Salcher, Mitglied der türkis-blauen Bildungsgruppe, meinte im TV-Interview, Volksschulkinder müssten schon in den ersten Klassen an den Notendruck gewöhnt werden, damit sie nicht bei der Auslese für die AHS im vierten Schuljahr davon überrascht würden. Die Einsicht, dass diese Selektion aus der Sicht der Bildungsforschung viel zu früh erfolgt und man sowohl den Notendruck als auch den Auslesestress durch eine nichtselektive Sekundarstufe I um einige Jahre hinausschieben könnte, ist ihm leider nicht gekommen, obwohl dies genau das ist, was in vielen Ländern erfolgt. In Ländern wie England und Schweden kommt man in den ersten sechs Schuljahren sehr wohl ohne Ziffernnoten aus, aber selbstverständlich nicht ohne sorgfältige Eltern-Lehrer-Kind-Lernfortschrittsgespräche und nicht ohne objektive, externe, testmäßige Leistungsfeststellung.

Wohlverdienter Fünfer

Wenn die FPÖVP-Experten schon nicht bereit oder imstande waren, den massiven internationalen Forschungsfundus der OECD zum Thema "Assessment" zu nutzen, hätten sie sich wenigstens mit der Studie von Thomas Stern über "Förderliche Leistungsbeurteilung" auf der Webseite des Bildungsministeriums vertraut machen müssen, die sensibel und praxisnah die Dilemmata der Lehrerschaft zwischen individueller Förderung und objektiver Leistungsmessung sowie ein breites Spektrum an tauglichen Formen alternativer Leistungsbeurteilung aufzeigt.

Übrigens: Wenn nach dem Plan der türkis-blauen Koalition Erstklässler wieder ihre wohlverdienten Fünfer bekommen, müssen sie dann auch gleich sitzenbleiben, um ihnen von Anfang an klarzumachen, dass das Leben in einer türkis-blauen Leistungsgesellschaft halt nun mal hart ist?

Kurz erklärte die von ihm geforderte "Bildungspflicht" so: Schüler, die am Ende der Schulpflicht, also mit 15 Jahren, nicht bestimmte Mindeststandards erreichen, müssen bis zu drei weitere Jahre in der Schule verbleiben, bis sie schließlich die verflixten Mindeststandards erreicht haben. Natürlich ist es ein Skandal, dass gegenwärtig mehr als 20 Prozent eines Altersjahrgangs mit einem miserablen Leistungsniveau die Schulpflicht beenden, aber Herr Kurz macht es sich ein bisschen zu leicht, wenn er die Schuld dafür exklusiv den Schülern anlastet.

Bildungspflicht

Lernerfolg ("Schulleistung") ist multifaktoriell, d. h. ein Produkt sowohl der Begabung, Motivation und familiären Situation der Schüler als auch der unterrichtlichen Tüchtigkeit der Lehrer und der Lernkultur ihrer Schule. Die "Bildungspflicht" liegt auch bei der Lehrerschaft, es wird interessant werden zu sehen, wie Schülerleistungen in der vorgesehenen "erfolgsabhängigen" Lehrerbezahlung berücksichtigt werden.

Zur beabsichtigen Ermächtigung von AHS, "Eingangsverfahren" zu praktizieren, gibt es drastische Warnungen der OECD. Wenn nicht durch landesweite Regeln dafür gesorgt wird, dass Schulen jeweils eine sozial ausgewogene Schülerschaft erhalten und ein fairer Zugang von Kindern aus bildungsfernen Familien erfolgt, dann führt der institutionelle Egoismus der Schulleiter (Wir wollen nur "gute" Schüler aus "guten" Familien) im Einklang mit dem Streben ambitionierter Eltern nach der besten Schule für ihr Kind zu einer demokratisch unakzeptablen sozialen Segregation im Schulwesen.

Dazu und zum Geist des vorweihnachtlichen türkis-blauen Bildungspakets passt sehr schön Erich Kästners "Chemisch gereinigtes Weihnachtslied": "Morgen, Kinder, wird's nichts geben! Nur wer hat, kriegt noch geschenkt ..." (Karl Heinz Gruber, 30.11.2017)

Karl Heinz Gruber ist Professor für Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Wien i. R.