Überwachen und Strafen

Kolumne |
30. November 2017, 16:31

Die künftigen Koalitionäre verschließen die Augen vor der Realität, um ungestört auf dem Altar des Populismus opfern zu können

Wegen einer Kleinigkeit, wie es der EU-Gipfel Mitte Dezember ist, sollten sich die künftigen Koalitionäre nicht zu unangemessenem Hudeln verleiten lassen. Schon bisher haben ihre Liebesspiele nichts zutage gefördert, was in den zum Voyeurismus verdammten Bevölkerungsschichten Begeisterungsstürme geweckt hätte, außer vielleicht bei jenen Experten, die sich an der Planung ihrer Experimente am Volkskörper beteiligen dürfen. Verständlich, dass sich Kurz und Strache als amtierende Christkindln unter dem autochthonen Weihnachtsbaum präsentieren wollen. Aber wäre der Fasching nicht ohnehin die glaubwürdigere Saison für ihren Amtsantritt, sollten die noch ausstehenden Ergebnisse ihrer Verhandlungen den bisherigen ähneln?

Die Einführung des Prinzips "Überwachen und Strafen" in eine Pädagogik der Gegenwart sagt mehr über den Geist von Leuten aus, die sich anmaßen, das Land in eine bessere Zukunft zu führen, als alles, womit sie dessen Bewohner sonst noch beglücken könnten. Wenn der künftige Bundeskanzler diesem erzieherischen Konzept mit zwei schweren, aber landesüblichen Grammmatikfehlern in einer elektronischen Mitteilung Glaubwürdigkeit und sich selber Popularität verschaffen will, muss man zur Kenntnis nehmen, dass es sich dabei exakt um jenen Fall geistigen Heimatschutzes handelt, für den die Freiheitlichen so vehement einstehen. Es ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass die so dringend geforderte Rückkehr zu einer Bezifferung schulischer Leistungen von 1 bis 5 die mathematische Kompetenz der türkis-blauen Reformpädagogen symbolisiert.

Nicht das offizielle Ziel ist falsch. Dass Jugendliche nach der Schule sinnerfassend lesen, grammatikalisch halbwegs korrekt schreiben und über einen Zahlenraum verfügen können, der über 5 hinausgeht, sollte selbstverständlich sein. Dass es das nicht ist, hat mehrere Gründe, aber keiner davon ist mit einer Ideologie des Heimatschutzes zu beheben, die unterstellt, dass es mangelnder Wille zur Anpassung an österreichische Werte sei, die Kinder zurückbleiben lässt, statt die wahre Ursache zu akzeptieren – Armut des Elternhauses, in verschiedenen Formen. Und davon sind nicht nur die Kinder mit Migrationshintergrund betroffen.

Und sie sind umso stärker betroffen, als mit den von derselben Seite propagierten Kürzungen bei der Mindestsicherung die pädagogischen Absichten besserer Schulabschlüsse konterkariert werden. Will man nicht offenen Zynismus annehmen, ist festzustellen, dass die künftigen Koalitionäre schon jetzt offenliegende, vielfach bewiesene Zusammenhänge entweder nicht zur Kenntnis nehmen wollen oder können. Sie verschließen die Augen vor der Realität, um ungestört auf dem Altar des Populismus opfern zu können. Nicht einmal die Lehrergewerkschaft ist zufrieden. Vielleicht wäre es unter diesen Umständen doch besser – zurück an den Start!

Ganz abgesehen davon, dass ihre pädagogische Revolution auf der Basis von 1 bis 5 so lange eine halbe Sache bleiben muss, als der römische Einser in ihrem System keinen Platz findet. Als der noch, selten, vergeben wurde, war die Welt der Schule noch heil. (Günter Traxler, 30.11.2017)

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