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Schock oder Segen: Die Notenpflicht entzweit die Schulen

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1. Dezember 2017, 11:27

Von klein auf sollen Kinder wieder mit Noten beurteilt werden. In vielen Schulen stößt das auf Ärger – aber auch auf Zuspruch

Wien – Am Anfang, erinnert sich Sylvia Mertz, da habe es sich einigermaßen abgespielt. Kinder seien ja schnell von etwas Neuem zu begeistern, sagt die Direktorin, aber manche Eltern hätten sich schon gesträubt. Wenn es plötzlich keine Einser mehr gibt: Was – so ein gängiger Einwand – sollen Opa und Oma dann belohnen?

Eine sogenannte Lernfortschrittsdokumentation statt Noten: Eine Direktorin, eine Bildungspsychologin und Volksschülerinnen sprechen mit STANDARD-Videojournalistin Katrin Burgstaller über alternative Leistungsbeurteilungen und Lernmotivation.
der standard

Was vor sieben Jahren als Schulversuch startete, haben Mertz und ihr Team bis heute beibehalten und verfeinert. Bis zum Ende der dritten Klasse gibt es an ihrer Volksschule keine Noten, sondern zweimal im Jahr Gespräche mit den Eltern, bei denen die Kinder im Verein mit den Lehrern ihre Fähigkeiten präsentieren – das Protokoll ersetzt das klassische Zeugnis. Das sei viel mehr Aufwand, als nur eine simple Ziffer einzutragen, sagt Mertz, "doch für die alternative Leistungsbeurteilung brenne ich". Umso mehr fiel sie aus allen Wolken, als sie von den Plänen der angehenden türkis-blauen Regierung erfuhr: "Das war ein Schock."

Die seit mehr als 40 Jahren aktive Pädagogin arbeitet an keiner Vorzeigeschule des roten Wien, sondern in Perchtoldsdorf, Inbegriff der gutsituierten bürgerlichen Vorstadt. Bei der Wahl fand Sebastian Kurz' Beschwörung des Leistungswillens hier großen Widerhall: Die ÖVP räumte 40 Prozent der Stimmen ab.

Pädagogin: "Ein absoluter Rückschritt"

In den meisten bildungspolitischen Ideen, die ÖVP und FPÖ diese Woche präsentierten, findet sich auch Mertz wieder, doch einen Punkt hält sie für "einen absoluten Rückschritt": Können Eltern und Lehrer derzeit in den ersten drei Volksschuljahren selbst entscheiden, ob Kinder per Noten oder ausformulierter Leistungsinformation beurteilt werden, soll die alte fünfstellige Skala von "Sehr gut" bis "Nicht genügend" künftig wieder Pflicht sein.

"Wer glaubt, dass Notengebung das Niveau hebt, sitzt einem Irrtum auf", sagt Mertz: Da werde ständig gepredigt, dass Lehrer in der individualisierten Welt von heute stärker auf die einzelnen Bedürfnisse eingehen müssen – und dann werde alles mit pauschalen Noten ad absurdum geführt. Die differenziertere Beurteilung habe sehr dabei geholfen, dass sich nicht nur die Schüler selbst, sondern auch die Eltern ihre Kinder besser kennenlernen: "Dieses Tool drohen wir nun zu verlieren."

Auch Susanne H. hält die alternativen Methoden für eine gute Sache – in einer Welt, wie sie in Perchtoldsdorf zu finden ist. In ihrem eigenen Schuluniversum hat die Wiener Lehrerin das Aus für Noten hingegen als eines erlebt: unpraktikabel.

Ohne Noten ein böses Erwachen

H., die um Anonymität gebeten hat, unterrichtet an einer "Brennpunktschule", wie sie selbst sagt. Von 24 Kindern in ihrer Klasse stammt eines aus Österreich. Als sie den Eltern die Frage gestellt hat, ob Noten gewünscht sind oder nicht, hätten drei Viertel gar nicht aufgezeigt – "weil sie nicht verstanden, worum es ging".

Wenn so viele Väter und Mütter kaum Deutsch sprechen, blieben Noten die einzige Möglichkeit, um den Eltern irgendeine Bewertung zu bieten, argumentiert H.: "Sonst gibt es für sie später ein böses Erwachen." Dolmetscher habe die Wiener Schulbehörde nicht geboten ("Da wurde ich im Regen stehen gelassen"), dafür aber "Druck von oben" weitergegeben, auf Noten gänzlich zu verzichten: "Ich bin froh, dass es nun wieder ein Stück in die andere Richtung geht."

Der große Wunsch der Eltern

Am Wiener Judenplatz machen die türkis-blauen Vorgaben keinen Kurswechsel nötig. Die dortige katholische Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht war immer "pro Noten", wie Direktorin Sigrid Schwall sagt: "Das ist auch ein großer Wunsch der Eltern. Viele bringen ihre Kinder gerade aus diesem Grund zu uns." Weil ab der vierten Klasse ohnehin Noten vorgeschrieben sind, sei es nur sinnvoll, die Kinder von klein auf daran zu gewöhnen, und ja: Noten seien nicht der einzige Leistungsansporn, aber doch ein Teil davon.

Differenzierte Bewertung bleibe dabei keinesfalls auf der Strecke: Abseits der Noten würden Stärken und Schwächen mit spielerischen Features auch konkreter dokumentiert. Schwall räumt aber ein, dass ihr Haus, wo das Schulgeld inklusive Halbinternat 442 Euro pro Monat beträgt, mit einem öffentlichen Standort nur begrenzt vergleichbar sei: "Zu uns kommen Eltern, die Bildung wollen. Die Schüler sind sehr homogen." Schlechtere Noten als ein Dreier kämen nicht vor – und somit auch kein Fünfer, wie er Kinder schon demoralisieren könne.

Lernwerkstatt Brigittenau: "Noten brandmarken Kinder"

Genau da haken die Leiter der Lernwerkstatt Brigittenau ein. Einen "Demoralisierungsfaktor" nennt Direktor Josef Reichmayr die traditionellen Zensuren, Stellvertreterin Karin Feller sagt: "Noten brandmarken die Kinder, sie erzeugen Hackordnungen und ungute Stimmung." Die Schule im 20. Bezirk probt in Schulversuchen deshalb nicht nur die Gesamtschule, Teamteaching und die Auflösung der Jahrgangsklassen, sondern hat Noten gleich bis in die siebte Schulstufe abgeschafft. "Mal sehen", witzelt Reichmayr, "ob bald ein Rollkommando der Regierung einrückt."

Doch wenn ausführliche Beurteilung ohnehin möglich bleiben soll: Was ist so schlimm, wenn halt auch eine Ziffer dabeisteht? "In ihrer Primitivität entfalten Noten eine Sogwirkung, die alles andere wegradiert", erläutert Reichmayr: Eltern und Lehrer würden sie als Druckmittel benützen, die detaillierte Beurteilung der Fähigkeiten, die in der Lernwerkstatt nach einem ausgeklügelten System funktioniert, falle unter den Tisch. Statt bei Schülern echtes Interesse zu wecken, gehe es nur mehr um das in eine Zahl gefasste Resultat.

Der Direktor wälzt bereits Protestpläne. Eine Zeugnisverbrennung hätte einen unguten Touch, sagt er – aber in irgendeiner Form würde er die verordneten Noten gerne "in den Himmel schweben sehen". (Gerald John, Video: Katrin Burgstaller, 1.12.2017)