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Oberlaa: Die U-Bahn ins wachsende Dorf

Reportage |
3. Dezember 2017, 12:38

In Oberlaa regt sich was. Zu den erholungsuchenden Wienern gesellen sich in den nächsten Jahren am grünen Stadtrand zahlreiche neue Bewohner

Pensionisten mit Sporttaschen – vor allem sie sind an einem Vormittag während der Woche mit der U1 auf der neuen Strecke nach Oberlaa unterwegs. Sie gehen vom Bahnsteig aus die Stiegen hinauf, biegen, oben angekommen, links ab und steuern zielstrebig die Therme Wien an. Für den Großteil der Wiener steht Oberlaa dafür: planschen, saunieren, entspannen und Mehlspeisen in der Kurkonditorei essen.

Einige wenige sind hier aber auch zu Hause. Sie biegen am Ende des Stiegenaufgangs nach rechts ab, nehmen den Ausgang Richtung Laaer-Berg-Straße. Beim Durchschreiten der verglasten Überführung scheint die Gegend sich in zwei grundverschiedene Welten zu teilen. Auf der einen Seite ein idyllisches Dorf – Einfamilienhäuser reihen sich um einen Kirchturm, dahinter liegt ein Hügel voller Windräder, Strommasten und Felder. Der Ausgang der U-Bahn-Station auf dieser Seite in Richtung Biererlgasse führt quasi direkt auf eine Wiese neben einer Reihenhaussiedlung. Dass hier noch Wien ist, kann man sich nur schwer vorstellen.

Wer auf die rechte Seite blickt, der sieht, was die Verlängerung der U-Bahn der Gegend in Zukunft bringen wird: Kräne, Rohbauten, geschäftige Bauarbeiter. Aus der Ferne tönen Baugeräusche. 1000 neue Wohnungen entstehen in den nächsten Jahren in Oberlaa, heißt es von der Wiener Standortentwicklung (WSE). Auch Gastronomie- und Gewerbeflächen sowie soziale Infrastruktur sollen dazukommen.

Ausgestorbene Gegend

Oberlaa wird also belebt – wie gefällt das den Ortsansässigen? In diesem Punkt gehen die Meinungen auseinander. Zwei Damen, "nur äußerlich schon etwas älter", wie sie selbst mit einem Schmunzeln betonen, sind mit ihren Hunden unterwegs. Sie freuen sich über die Veränderungen. "Die U-Bahn ist das Beste, was uns hat passieren können", meint die eine. "Oberlaa ist eh ausgestorben, hier gibt es nur alte Leute. Jetzt kommen junge Familien und Kinder, da ist dann was los", sagt die andere begeistert.

Ein paar junge Menschen scheinen hier aber durchaus zu wohnen. Eine Studentin, die Richtung U-Bahn-Steig unterwegs ist, erzählt, sie wohne schon lange hier, derzeit noch neben der Kirche. Wenn die neuen Wohnungen fertig sind, will sie aber in eine davon mit Freundinnen einziehen. Über die U-Bahn-Verlängerung freut sie sich besonders: "Früher habe ich länger als eine Stunde auf die Uni gebraucht, jetzt geht das viel schneller", sagt sie.

"Lieber unter uns"

Doch es gibt hier nicht nur ausnahmslose Begeisterung für die neue U1. Eine Pensionistin, die mit ihrem Rollator unterwegs ist, erzählt, früher sei die Busstation ganz in der Nähe ihres Altersheims gewesen. Zur U-Bahn sei es jetzt viel weiter. "Auf die Alten wird vergessen, nur bei den Wahlen, da denkt man auch an uns", sagt sie verärgert. Dass Oberlaa viele neue Bewohner bekommen soll, gefällt ihr nicht: "Wir Alten sind lieber unter uns und haben unsere Ruhe."

Hinter der Kurkonditorei sind eine Frau und ein Mann in sportlicher Funktionskleidung, mit bunten Stirnbändern und Nordic-Walking-Stöcken gerade dabei, sich aufzuwärmen und zu dehnen. Auch sie sind vom bevorstehenden Zuzug nicht unbedingt begeistert. "Früher haben viele Menschen auf wenig Platz zusammengelebt. Die jungen Leute von heute – da will jeder 90 Quadratmeter nur für sich allein", beschwert der Mann sich, eine Erschließung neuer Flächen sei daher wohl unumgänglich. So müsse halt auch Oberlaa "dran glauben", sagt er.

Die neuen Mitbewohner

Doch wer kommt wirklich nach Oberlaa? Ein großer Teil der geplanten Wohnungen läuft unter dem Titel "leistbares Wohnen", sagt Mario Scalet von der Wiener Standortentwicklung. Auch Wohnformen für Studenten, Gemeindebauten und freifinanzierte Eigentumswohnungen sind geplant. Der Fokus liegt klar auf jungen Familien, so wirbt etwa das Eigentumsprojekt "Tralalaa10" der Wohngut Immobiliengruppe, das auf ebenjener Wiese in der Biererlgasse gebaut werden soll, mit guter Infrastruktur für Kinder – Spielplätze und Nähe zur Volksschule – und einer Lage mitten im Grünen.

Doch bleibt die ländliche Oase, der Faktor Erholung für Oberlaa auch nach den neuen Bauprojekten und dem Zuzug erhalten? Die Studentin, die schon lange in Oberlaa wohnt, meint dazu knapp: "Keine Sorge, hier ist immer noch genug Idylle." (Bernadette Redl, 3.12.2017)