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Die Digitalisierung, ein Missverständnis

Kommentar der anderen |
1. Dezember 2017, 15:23

Warum Basteln und Lesen unsere Kinder besser auf die digitalisierte Arbeitswelt von morgen vorbereiten als Programmierkurse und es für die Politik trotzdem einiges zu tun gibt. Ein Versuch der Aufklärung zum Begriff Digitalisierung

Digitalisierung – Experten sind sich durch die Bank einig, dass sie unsere Arbeitswelt und unser Zusammenleben revolutionieren wird. Uneinigkeit herrscht darüber, wie dramatisch die Konsequenzen der Digitalisierung für den Einzelnen und unsere Gesellschaft sein werden. Die einen sehen keinen Grund zur Sorge, schließlich hat in der Vergangenheit technologischer Fortschritt stets zu einer Verbesserung der Lebenssituation aller Bevölkerungsschichten geführt. Die anderen befürchten eine Polarisierung der Gesellschaft, geprägt durch Arbeitslosigkeit und Armut breiter Bevölkerungsgruppen und astronomischen Reichtum für wenige Spitzenverdiener.

Viele reduzieren Digitalisierung auf den Aspekt der Automatisierung – den Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen. Doch sie verändert nicht nur Produktionsprozesse, sie verändert auch Märkte. Intermediäre wie etwa Banken verlieren durch digitale Möglichkeiten der dezentralen Verwaltung von Daten und Überprüfung von Besitzansprüchen (Stichwort Blockchain) an Bedeutung. Online-Märkte verdrängen lokale Geschäfte und Filialen. Und auf den wachsenden Märkten für digitale Güter wie etwa Apps und Videostreaming hat sich ein neues Prinzip durchgesetzt: The winner takes it all.

Die annähernd kostenfreie Vervielfältigung und Auslieferung digitaler Güter erlaubt den jeweiligen Marktführern, die gesamte Nachfrage zu bedienen und entsprechend hohe Gewinne einzufahren. Dies begünstigt das Aufkommen globaler Monopole: Amazon, Google, Netflix und Facebook bilden dabei nur die Spitze des Eisbergs.

Jobs werden verlorengehen

Eine vielschichtige Veränderung der Wirtschaftswelt bedroht insbesondere Arbeitsplätze in Branchen, die selbst stark auf Online-Vermarktung umstellen, wie etwa der Fachhandel oder die Finanzbranche, oder die durch Online-Märkte starke Konkurrenz erleben, wie etwa die Hotellerie. Aber auch in anderen Branchen werden Jobs verlorengehen, vor allem diejenigen, die mit einem hohen Anteil an repetitiven Tätigkeiten verbunden sind. Die Routineaufgaben von Fabrikarbeitern, Büroangestellten, aber auch vielen Akademikern wie etwa Rechtsanwälten können heute problemlos automatisiert werden. Voraussetzung ist lediglich, dass der Mensch respektive Programmierer im Vorfeld detailliert weiß, welche Arbeitsschritte in welcher Abfolge zur Erfüllung der Aufgaben notwendig sind.

Aus diesem Argument folgt andererseits, dass es auch in Zukunft viele Aufgaben geben wird, die Computer nicht ersetzen können: Schauspieler, Schriftsteller, Kunsthandwerker, Personal-Trainer, Hairstylisten, Forscher, Lehrer, Kindergärtner, Naturwissenschafter, Ärzte, Krankenpfleger, Polizisten, Manager und viele andere Berufsgruppen benötigen für ihre Aufgaben Fertigkeiten, die man einem Computer nur schwer, wenn überhaupt, beibringen kann. Dazu zählen etwa Kreativität, Intuition, rasche Auffassungsgabe, Abstraktion, soziale Intelligenz oder Einfühlungsvermögen.

Genau diese Fertigkeiten müssen wir bei unseren Kindern fördern, um sie fit für den digitalisierten Arbeitsmarkt zu machen. Basteln, werken, lesen, Geschichten schreiben, mathematische Rätsel lösen, sich gegenseitig helfen – all dies trägt dazu bei, unsere Kinder gut auf die zukünftige Arbeitswelt vorzubereiten. Dazu braucht es keine Vermittlung digitaler Grundkompetenzen bereits im Kindergartenalter und flächendeckende Programmierkurse für Volksschüler. Die wenigsten Kinder werden schließlich einmal App-Entwickler werden.

Qualität der zukünftigen Arbeitsplätze

Können wir also der digitalisierten Zukunft entspannt entgegenblicken? Leider nein, denn dazu muss nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der zukünftigen Arbeitsplätze sichergestellt sein. Was Letztere betrifft, zeigen Ökonomen durchaus gesellschaftlich problematische Entwicklungen auf. Infolge der Digitalisierung sind in den letzten beiden Jahrzehnten weltweit viele Jobs im mittleren Ausbildungs- und Einkommenssegment verlorengegangen (Büroangestellte, Verkaufsmitarbeiter etc.). Im Gegenzug sind zwar auch besser bezahlte Jobs entstanden (z. B. Manager), aber auch viele Jobs im Niedriglohnsegment (Wachdienste, Pflege etc.). Dieser Trend hält nach wie vor an, die Digitalisierung führt zu fortschreitender Polarisierung des Arbeitsmarkts und befeuert Einkommensungleichheit.

Im Niedriglohnsektor hat dies ernste Auswirkungen, da der Zustrom an potenziellen Arbeitnehmern auf die ohnehin niedrigen Löhne weiteren Druck ausübt. Dies wird zu einem deutlichen Zuwachs an "Working Poor" in der Gesellschaft führen oder aber zu hoher Arbeitslosigkeit, falls es sich für viele Menschen nicht mehr lohnen wird zu arbeiten. Das eingangs skizzierte Horrorszenario der Arbeitslosigkeit und Armut breiter Bevölkerungsgruppen könnte also durchaus realistischer sein als von vielen gedacht.

Um dieses Szenario abzuwenden, muss die Politik aktiv werden. Sie muss Beschäftigungsanreize schaffen und Armutsgefährdung verhindern. Maßnahmen wie eine Reduktion des Arbeitslosengeldes, flächendeckender Mindestlohn oder auch bedingungsloses Grundeinkommen sind alle nicht in der Lage, beides gleichzeitig zu erreichen. Eine weniger revolutionäre Maßnahme aber würde dies sehr wohl: ein deutlich progressiveres Steuersystem. Durch negative Steuersätze (also Subventionen) für Niedrigverdiener, gegenfinanziert durch höhere Steuersätze für Spitzenverdiener oder andere Steuern können Arbeitsanreize sichergestellt werden, ohne das soziale Sicherheitsnetz aufzulösen – vorausgesetzt, es gibt zusätzliche Regelungen, die ein Fallen der Kollektivvertragslöhne verhindern. Ein Großteil der Bevölkerung könnte so auch in Zukunft in Beschäftigung gehalten werden. Und dieses Ziel ist nicht nur aus ökonomischen Gründen sinnvoll. Denn Voltaire hat bereits 1759 festgestellt: "Die Arbeit hält drei große Übel fern: die Langeweile, das Laster und die Not." (Paul Pichler, 1.12.2017)

Paul Pichler ist Assistenzprofessor für Volkswirtschaft an der Uni Wien.