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Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, oder?

Userkommentar |
4. Dezember 2017, 14:46

"Political Correctness" als "Malaise des Westens" zu diffamieren, ist schlichtweg absurd

"Political Correctness" ist mittlerweile zum Kampfbegriff geworden. In seinem Vortrag am Europäischen Mediengipfel 2017 in Lech bezeichnete der Philosoph Carlo Strenger sie gar als "die Autoimmunerkrankung des Westens". Das liegt daran, dass jeder und jede etwas anderes unter dem Begriff versteht. Es bedarf einer gesellschaftlichen Aushandlung – es darf nicht egal werden, wie wir mit- und übereinander sprechen.

Während die einen durch "Political Correctness" eine Beschränkung der Meinungsfreiheit wittern, sehen die anderen diese als Weg in eine offene, liberale Gesellschaft. Der Begriff gewinnt seit dem späten 20. Jahrhundert im Westen sukzessive an Bedeutung. Ursprünglich ging es darum, Interessen von Minderheiten auch sprachlich sichtbar zu machen. Heute empfinden immer mehr Menschen "Political Correctness" aber als Freiheitsbeschränkung oder Zensur. Der Grundgedanke geht dabei verloren: Diskriminierung zu vermeiden.

Unsagbares "en vogue"

"Political Correctness" wird ins Lächerliche gezogen, der Begriff inflationär verwendet und aus dem Kontext gerissen. Und plötzlich sind Dinge wieder sagbar, die man eigentlich schon für unsagbar hielt. Es scheint "en vogue" zu sein, sprachliche Grenzen auszuloten und unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung langwierig erkämpfte gesellschaftliche Normen in Frage zu stellen.

Warum ist das problematisch? Sprache beeinflusst, wie wir denken und handeln, was wir wahrnehmen oder woran wir uns erinnern. Sprache ist immer mit Macht verbunden. Und mit Machtverhältnissen. Es ist also nicht egal, wie wir über Menschen reden. Schon nicht im Privaten, aber ganz besonders nicht, wenn man als Person des öffentlichen Lebens viele Menschen erreicht und beeinflusst.

"Malaise des Westens"?

Sprache formt unsere Gesellschaft und ist eben ein Indikator dafür, welche Stellung Minderheiten in der Öffentlichkeit erlangen. Ja, in allen Bevölkerungsgruppen gibt es Missstände, auch bei Minderheiten. Diese Probleme zu ignorieren, ist falsch. Und ja, berechtigte Kritik ist unerlässlich in einer freien Gesellschaft. In diesen Punkten hat Strenger recht. Aber "Political Correctness" deshalb als "Malaise des Westens" zu diffamieren, ist schlichtweg absurd. Am Ende schadet das vor allem denjenigen, die tatsächlich von Diskriminierung betroffen sind.

Es geht nämlich nicht um Sprechverbote. Es geht nicht um eine Einschränkung der Denk- und Redefreiheit. Und es geht ganz bestimmt nicht darum, dass man nichts und niemanden mehr kritisieren darf. Es geht um Gleichberechtigung und Respekt – sowohl in unserer Sprache als auch in unserem Handeln. (Juli Bali, Alexander Polt, 4.12.2017)

Juli Marie Bali (24) studiert Content-Produktion und Digitales Medienmanagement in Wien. Ihre ersten beruflichen Erfahrungen sammelte sie beim TV Salon am Naschmarkt.

Alexander Polt (25) studiert Journalismus & Neue Medien in Wien.

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation mit der Medienakademie in Lech. Unter der Leitung von Markus Spillmann und Werner Müllner berichten Journalismusstudenten aus Österreich und der Schweiz vom Mediengipfel.

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