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"Ring des Nibelungen": Dekonstruktion einer Familiensaga

3. Dezember 2017, 15:51

Richard Wagners Opernopus im Theater an der Wien als kühne Trilogie

Wien – "Vollendet das ewige Werk! Wie im Traum ich es trug, wie mein Wille es wies", schrieb Wagner an Ludwig II. nach Abschluss seines Rings. Wieder einmal zitierte er eines seiner Alter Egos, nämlich Wotan beim Anblick der Burg Walhall im Rheingold, mit dem das Opus Summum beginnt.

Wagnerianern gilt der Ring denn auch als Heiligtum, das man sich eher nur komplett in der Abfolge des Vorabends Rheingold und der drei Abende (Walküre, Siegfried, Götterdämmerung) reinziehen darf. Für Komponist Helmut Lachenmann ist der Ring "ein überdimensionaler Klang", in dem eine Fülle innerer Bezüge der musikalischen und dramatischen Verbindungen herrscht.

Ein Wagnis mit ...

Es ist ein kaum kalkulierbares Wagnis, wenn das Theater an der Wien den Ring als Trilogie bietet: durch reduzierte Orchesterbesetzung und die Entscheidung, die Chronologie aufzulösen und die Szenen in neuen Zusammenhang zu bringen. Regisseurin Tatjana Gürbaca, Dirigent Constantin Trinks und Dramaturgin Bettina Auer haben diese Dekonstruktion unternommen. Wagners Text und Musik bleiben aber innerhalb der Szenen unangetastet. Es wird versucht, eine schlüssige Geschichte herauszulesen, die zur Familienaufstellung wird. Jeder der drei Abende beginnt mit derselben Szene: Hagen tötet Siegfried, Wotan, Brünnhilde und andere kommen fassungslos dazu. Dann erfährt man, was zu dieser Situation führte, und kann sich, wie in Max Frischs Theaterstück Biografie: Ein Spiel, fragen, ob es auch hätte anders kommen können.

Ziel ist es, gerade mithilfe von Rückblenden und Sprüngen stringente Handlungslinien und psychologische Zusammenhänge hervorzukehren: Der erste Abend setzt inmitten der Götterdämmerung ein – mit Alberichs Frage "Schläfst du, Hagen, mein Sohn?" Die Rache des Nibelungen erscheint damit noch mehr als dramatische Triebfeder, wenn die Handlung danach zum Rheingold und dann wieder in die Götterdämmerung führt.

Der Vorabend wird als "Urschlamm der Geschichte des Rings" gedeutet und schaut auf der Bühne von Henrik Ahr (mit schlichtem, flexiblem Raumkonzept) genau so aus. Hagen, der als Kind Alberich bei seinem "Freien" bei den Rheintöchtern begleitet, schreibt auf, was die Kostüme (Barbara Drosihn) signalisieren: "Huren" sind es, die Alberich an der Nase herumführen.

... durchwachsenem Ergebnis

So richtig böse wird der grandiose Martin Winkler erst nach dieser Demütigung – und erst recht, nachdem Wotan (Aris Argiris) und Loge (Michael J. Scott) ihm das Geschmeide an seiner Hand abringen. Was der Darsteller des Zwergs hier leistet, ist überragend – auf fast vergleichbarem Niveau agieren Samuel Youn (Hagen) und Marcel Beekman (Mime). Das ORF-Radio-Symphonie-Orchester Wien findet unter Trinks zu beachtlicher Klangfülle, die Spannungsbögen könnten solider geschmiedet sein.

In Teil zwei, also Siegfried, ist detaillierte Orchesterstringenz eher zu vernehmen – im Vokalen gibt es Luft nach oben: Als Siegfried kämpft Daniel Brenna einen qualvollen Partiekampf, auch Ingela Brimberg müht sich (Brünnhilde). Solide Liene Kinca (Sieglinde), Stefan Kocan (Hunding/Fafner). Markant Marcel Beekman (Mime), Daniel Johansson (Siegmund) und Mirella Hagen (Waldvogel). Die Regie pendelt zwischen scheinwitziger Entmystifizierung (das Schwert steckt im Fauteuil) und präzis-überraschender Personenführung. Die Personalisierung von Wurm und Waldvogel schafft szenische Intensität und Hoffnung fürs Finale mit Brünnhilde. (daen, tos, 3.12.2017)

Die Trilogie startet wieder am 7., 17. und 29. 12., 19.00

Theater an der Wien