Foto: APA/EXPA/Jakob Gruber

Sexueller Missbrauch in Skihauptschule Neustift wurde vertuscht

3. Dezember 2017, 17:49

In der Skihauptschule im Stubaital wurden offenbar über längere Zeit Buben missbraucht. Die Schulleitung wusste Bescheid, sagen Betroffene

Innsbruck – Im Skigymnasium Stams sei es unter Schülern zu schweren Übergriffen gekommen, berichtete ein ehemaliger Schüler und Athlet in der Wochenendausgabe des STANDARD. Arno Staudacher, der Direktor der Einrichtung, die als Kaderschmiede des heimischen Wintersports gilt, entgegnete im Interview mit der "Tiroler Tageszeitung", dass er "Inhalt und Wahrheitsgehalt" der Anschuldigungen nicht infrage stelle. Aber: "Die ganzen Verallgemeinerungen und Rückschlüsse halte ich für verantwortungslos."

Recherchen des STANDARD zeigen aber, dass in der Ausbildung der österreichischen Ski-Elite vieles im Argen lag. Und zwar schon bei den Jüngsten, in der damaligen Skihauptschule Neustift. Dort wurden in den 1970er-Jahren viele spätere Skistars ausgebildet. Mehrere ehemalige Schüler und eine Mutter eines Betroffenen berichten von sexuellem Missbrauch durch den damaligen Internatsleiter. Die Taten seien keine Einzelfälle und der Schulleitung, die damals dem Tiroler Skiverband (TSV) unterstand, bekannt gewesen.

Doch es war die Kombination aus Leistungsdruck und Hörigkeit, die verhinderte, dass die Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit gelangten. Vielmehr wurde der Täter gedeckt. Anstatt ihn zur Rechenschaft zu ziehen, blieb er weiter im Schuldienst tätig.

"Die Buben haben Angst gehabt, panische Angst", erzählt die Mutter eines ehemaligen Neustift- und späteren Stams-Schülers, der 1981 an einer Überdosis Heroin gestorben ist. Ihr Sohn sei eines der vielversprechendsten Talente gewesen. Schon als er zwölf Jahre alt war, hätten Skifirmen darum gerungen, mit ihm Verträge einzugehen. "Er wollte unbedingt Rennfahrer werden, um jeden Preis. In drei Wintern hat er 56 Pokale abgeräumt", erzählt die Mutter. Die Erinnerungen an diese Zeit hat sie in einem Fotoalbum gesammelt.

Regelmäßige Übergriffe durch Heimleiter

Hellhörig wurde sie, als zwei Schulkollegen ihres Sohnes aus demselben Ort im Tiroler Oberland Mitte der 1970er-Jahre zu Hause von sexuellem Missbrauch durch den damaligen Heimleiter in Neustift berichteten: "Ich habe ihn darauf angesprochen, und er hat schließlich erzählt, dass dieser Mann jede Woche zu ihnen ins Bett kam." Ehemalige Mitschüler bestätigen dem STANDARD diese Darstellung.

Auch eine Person aus dem damaligen Betreuerteam verifiziert, dass es zu sexuellen Übergriffen durch den Heimleiter gekommen sei. Doch sie alle wollen anonym bleiben und die Details nur der Staatsanwaltschaft schildern. Die ersten Jahrgänge der im Schuljahr 1969/1970 gegründeten Einrichtung seien betroffen gewesen und wüssten Bescheid, sagt ein Ex-Schüler.

"Er war offenbar ein Pädophiler"

Es war letztlich der einflussreiche Vater eines weiteren Schülers, der – nachdem offenbar auch sein Sohn zum Opfer geworden war – dafür sorgte, dass der Mann seines Postens enthoben wurde. "Er war offenbar ein Pädophiler. Das war ein Mordstheater an der Schule. Alle wussten es damals", erinnert sich die Mutter. Dennoch verblieb der Beschuldigte im Schuldienst, er musste lediglich die Leitungsfunktion im Internat abtreten.

Ihr Sohn habe sie angefleht, nichts zu unternehmen, um seinen Traum von der Karriere als Skifahrer nicht zu gefährden. Sie habe schon damals mit sich gehadert, sagt die Frau heute, letztlich aber diesen Wunsch respektiert. Erst später sei ihr bewusst geworden, dass ihn das dort Erlebte und Erlittene wohl in die Drogensucht getrieben habe. "Als er dann in Stams war, hat ihn ein Mitschüler mit dem Zeug in Kontakt gebracht." Nachdem ihr Sohn beim Kiffen erwischt worden war, folgte der Schulverweis, sein Traum von der Skikarriere war endgültig geplatzt. Er rutschte immer tiefer in die Sucht ab. Im Alter von 21 Jahren, als Tischler auf Montage, starb er an einer Überdosis.

Wie ein Protokoll einer Sitzung des TSV zeigt, das dem STANDARD vorliegt, war die Absetzung des Neustifter Heimleiters schon 1976 Thema in den höchsten Gremien des Verbandes. Warum der Mann dennoch drei weitere Jahre im Schuldienst verbleiben konnte und wohin er nach 1979 ging, ist noch unklar. Seitens des Landes Tirol, bei dem er als Lehrer angestellt war, kann man aus Datenschutzgründen auf Anfrage keine Auskünfte zur Person geben. Wie lange er weiter als Lehrer tätig war und wo, ist daher nicht bekannt. (Steffen Arora, 4.12.2017)