Diskussionen über Missbrauch: Zum Nutzen des Sports

Kommentar |
3. Dezember 2017, 18:08

Die Debatten werden dem Sport nützen. Geschadet hat sich in den vergangenen Wochen vor allem der ÖSV selbst

Wer willens ist, kann die Botschaft leicht verstehen, die die ehemalige Skirennläuferin Nicola Werdenigg mit ihrer Geschichte über Missbrauch im Skisport überbringt. Von einer Abrechnung war bei ihr nie die Rede. Aufklärung, Aufarbeitung und vor allem Prävention heißen ihre oft genug wiederholten Anliegen. Bedarf gibt es genug, wie die zahlreichen Rückmeldungen beweisen, nicht nur bei ihr selbst oder beim STANDARD, sondern zum Beispiel auch bei der vom Österreichischen Skiverband (ÖSV) zugezogenen Klasnic-Kommission und der Opferschutzstelle des Landes Tirol.

Der Sport, beileibe nicht nur der Skisport, entwickelt Biotope, die Missbrauch begünstigen – erleichterter Zugriff auf Kinder und Jugendliche, Abhängigkeitsverhältnisse, Ausnahmesituationen im Hochleistungsbereich. Als Schaden für den Sport beklagt Armin Assinger Diskussionen darüber in einem Interview mit der Tageszeitung Kurier. Der Ex-Skirennläufer, Moderator und nicht zuletzt Aufsichtsrat der neuen Bundes-Sport GmbH spricht zwar auch von der sich bietenden Chance, die Vorfälle genau und lückenlos aufzuklären, den Tenor des Skiverbandes trifft er aber mit seinem ersten Satz genauer.

Die Enthüllungen und die längst überfälligen Diskussionen schaden zunächst ganz sicher dem Geschäft mit dem Spitzensport. Es kann einem gegenwärtig durchaus die Lust an großen Sportereignissen vergehen, an einem zünftigen Skirennen zum Beispiel. Mag sein, dass auch der eine oder andere Sponsor die Diskussionen schädlich findet. Selbst wenn man annehmen möchte, dass Missbrauch in Ausbildungsstätten, in Vereinen, im Spitzensport gegenwärtig nur die absolute Ausnahme darstellt.

Geschadet hat sich in den vergangenen beiden Wochen vor allem der ÖSV selbst, dem, allen voran Präsident Peter Schröcksnadel, von Fachleuten attestiert wird, ein Lehrbeispiel für missglücktes Krisenmanagement abgeliefert zu haben. Das Kratzen an Nicola Werdeniggs Glaubwürdigkeit besorgen inzwischen andere – berufen oder auch nicht.

Die Diskussionen, die gerade erst begonnen haben, werden dem Sport nützen. Es wird nützlich sein zu wissen, dass Kinder und Jugendliche in Mannschaften, Vereinen, Internaten gut und sicher aufgehoben sind, weil Präventionsmaßnahmen endlich greifen. Es wird nützlich sein, wenn auch dem letzten Relativierer klar wird, warum Werdeniggs Schritt an die Öffentlichkeit so bitter nötig war. (Sigi Lützow, 4.12.2017)