Foto: Alamode Film

"Fikkefuchs" im Kino: Der Stecher von der traurigen Gestalt

5. Dezember 2017, 07:25

Der deutsche Spielfilm hat bereits für Aufregung gesorgt. Ihn als aktuellen Beitrag zur #MeToo-Debatte zu verstehen ist aber ein fataler Irrtum. Selten hat man nämlich einen derart sexistischen und widerlichen Film im Kino gesehen

Wien – Fikkefuchs ist ein Film, bei dem man im Kino sitzt und sich fragt, ob man das, was man hier zu sehen bekommt, eigentlich besprechen will. Natürlich könnte man diskursiv vorgehen, einschätzen und analysieren, aber widmet man damit diesem Film nicht eine Aufmerksamkeit, die er gar nicht verdient? Doch mit Schweigen ist es nicht getan. Denn man soll über diesen Film schreiben – und darüber, warum er der widerlichste ist, den man seit langem zu sehen bekommen hat.

"Fikkefuchs" – Trailer
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"Ich habe zum weiblichen Geschlecht, der Vagina, eine quasi religiöse Beziehung aufgebaut." Rocky (Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg), knapp 50 Jahre alt und in seiner Jugend unter dem Namen "Stecher von Wuppertal" bekannt, sitzt in Berlin auf einer Kirchenbank. "Für mich ist man zwischen den Beinen einer Frau Gott näher als in der Kirche." Rocky denkt nur an das Ficken und betrachtet es als die Schuld der Frauen, dass er das nicht mehr darf. Denn die Frauen unterdrücken in Wahrheit die Männer, machen ihnen ein schlechtes Gewissen und sie zum schwachen, weil ständig überforderten Geschlecht, das sich gegen die sexuelle Reizüberflutung nicht mehr zu helfen weiß. Aber nicht Rocky, denn der weiß sich zu helfen und zu wehren.

So weit, so dumm und bekannt. Stahlberg (Bye Bye Berlusconi!) präsentiert Rocky als einen Mann, der nicht wahrhaben will, dass er am Ende ist, mit zotteligem Haar und abstoßenden Gedanken. Zu diesem Zeitpunkt könnte Fikkefuchs einfach noch als übles Porträt über einen Loser und seinen Frauenhass verstanden werden. Erfüllt von einem Hass, den Stahlberg mit der üblichen Heiligsprechung der Hure kaschiert. Doch das Anliegen dieses Films zeigt sich so richtig, als Rocky Besuch von seinem erwachsenen Sohn bekommt, den er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Thorben (Franz Rogowski) ist aus einer Klinik ausgebrochen, in die er eingewiesen wurde, nachdem er im Drogeriemarkt eine Verkäuferin vergewaltigen wollte. Das Dekolleté der Frau sei für ihn eine eindeutige Einladung gewesen – und der Film möchte ihm dabei – Bild für Bild, Blick für Blick – recht geben. Ob er eigentlich wisse, was sein Sohn getan habe, fragt die – nur für diese einzige Szene – angereiste Mutter Rocky. "Ich weiß", sagt dieser. "Aber er hat es ja nur versucht."

Reine Provokation

In Deutschland hat Fikkefuchs einige Aufregung verursacht. Als "die düstere Vision einer Gesellschaft, die nichts aus der #MeToo-Debatte gelernt hat", bezeichnete ihn die Süddeutsche, der evangelische Pressedienst (epd) sah einen Film über den "Geschlechterkrieg in einer durchsexualisierten Gesellschaft, die keine Tabus mehr kennt". Der Pressetext weist stolz darauf hin, dass dieser Film ohne Förderungen zustande gekommen sei, und insinuiert damit die rebellische Haltung, als ob eine solche für einen "kompromisslosen und politisch unkorrekten" Film notwendig wäre. Doch Stahlberg geht es nicht um die Diskussion über das Verhältnis von Frau und Mann, Sexualität, Macht und Hierarchie. Dafür interessiert sich Fikkefuchs in keinster Weise. Dieser Film will provozieren,

Stahlberg ist bekannt für Guerillavermarktung. Wenn sich Thorben – gern auch in der Öffentlichkeit – Pornos ansieht, die man in ihrer Explizität selbstverständlich mitschauen muss, dann will Fikkefuchs so offensichtlich provozieren wie seine Figur. Wenn Thorben mit der Handykamera durch das Holocaust-Mahnmal läuft und Frauen bedrängt, dann geilen er und der Film sich daran auf, dass das als "Lustgarten" fungierende Denkmal so wenig einsehbar ist. Stahlberg lässt dazu die Moldau einspielen, während die Kamera sich in die Höhe schraubt und versucht, sich damit über die Arbeit von Emmanuel Lubezki, einem der weltbesten Kameramänner, lustig zu machen.

Fikkefuchs will die Männer – Rocky und Thorben landen schließlich in einer Art Selbsthilfegruppe, in der sie von einer strengen Frau gelehrt bekommen, wie sie (wieder) zu Sex kommen – als Karikaturen verstanden wissen, als traurige Gestalten, die sich emanzipieren möchten. Doch so wie sich Rocky und Thorben in keinster Weise hinterfragen, so wenig tut das auch Stahlberg: Es ist nicht die fehlende Einsicht der Figuren, die man diesem Film anlasten muss, sondern es ist Stahlbergs fehlendes Bewusstsein, dies infrage zu stellen. Die Provokation ist somit keine produktive im Sinne einer Herausforderung, sondern bleibt eine sich selbst genügende.

Dass der Prostatakrebs Rocky am Ende nicht mehr viel Zeit lässt, um ein letztes Mal sein einziges Glück zu erfahren, verkehrt Fikkefuchs zu einer Entschuldung. Es ist aber keine. (Michael Pekler, 5.12.2017)

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