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Globaler Vergleich: Österreich verschläft Pensionsreformen

5. Dezember 2017, 14:28

Österreicher gehen etwas später in Pension. Dennoch ist die Altersvorsorge wenig nachhaltig, zeigt eine OECD-Studie

Wien – Eine tickende Zeitbombe oder unbegründete Panikmache: Politische Debatten über das hiesige Pensionssystem finden meist an den Polen statt. Das Kapitel wurde auch in den laufenden Koalitionsverhandlungen bis zum Schluss aufgespart.

Der internationale Vergleich hilft, die heimische Situation besser einzuordnen. Wie die aktuelle Pensionsstudie der OECD zeigt, hat Österreich zuletzt etwa leichte Fortschritte beim faktischen Antrittsalter gemacht.

Auch die Absicherung gegen Altersarmut und die geringen Einkommenseinbußen heimischer Pensionisten stechen im Vergleich der Industriestaaten heraus. Dem gegenüber stehen ein faktischer Reformstillstand bei einer stark alternden Bevölkerung sowie zu geringe Einkommen, um eine so großzügige Altersvorsorge rechtfertigen zu können. Aber der Reihe nach.

Demografischer Druck steigt

Der sogenannte Altenquotient verdeutlicht den demografischen Druck auf ein Pensionssystem: Im Jahr 2015 kommen in Österreich auf 100 Personen im arbeitsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) 31 über 64-Jährige. Sobald die Babyboomer in Pension gehen, ändert sich die Lage rasant.

Diese demografische Herausforderung trifft Länder wie Japan, Deutschland und Italien noch viel stärker. Außergewöhnlich in Österreich ist jedoch die vergleichsweise abrupte Alterung der Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten. Im Jahr 1975 kamen auf 100 potenziell Aktive 27 Ältere. Dieser Altenquotient hat sich bis 2015 kaum verändert. Doch bis zum Jahr 2050 sollen es 59 und bis 2075 gar 63 Senioren pro 100 Erwerbsfähige sein, wie die OECD aktuell prognostiziert. Somit müssten künftig weniger als zwei Beitragszahler einen Pensionisten finanzieren. Ähnlich "überraschend", aber auf niedrigerem Niveau trifft die Alterung die Iren.

Lange Pensionsdauer

Dass mit den Babyboomern viele gleichzeitig in Pension gehen, ist nur eine Seite der Medaille. Dank moderner Medizin und gesünderer Lebensweise steigt auch die Langlebigkeit. Die Lebenserwartung mit 65 soll sich in Österreich bis 2050 bei Frauen von 23,4 auf 25,9 Jahre und bei Männern von 18,74 auf 23,47 steigen. Frauen dürfen also damit rechnen, mehr als 25 Jahre in Pension zu verbringen, Männer über 20. Hier spielt Österreich in der Topliga. Grund dafür ist auch das vergleichsweise niedrige Pensionsantrittsalter.

Antrittsalter gestiegen

Zwar gilt Österreich als Frühpensionsmeister, aber diesen Pokal hat eindeutig Italien verdient. Sowohl Männer als auch Frauen gehen dort durchschnittlich mehr als vier Jahre vor dem gesetzlichen Antrittsalter in Pension. Im OECD-Vergleich liegen bei Männern aber nur noch die Belgier und die Luxemburger vor Österreich. Im Schnitt tritt der Österreicher mit 62,0 Jahren, also drei Jahre vorzeitig, aus dem Erwerbsleben. Die Österreicherin geht mit 60,6 Jahren in Pension. Noch früher gehen etwa die Franzosen in Pension, aber mit entsprechend niedrigerem gesetzlichem Antrittsalter.

Immerhin hat sich das Antrittsalter in Österreich im Vorjahr gegenüber 2015 leicht erhöht, als Männer mit 61,8 und Frauen mit 60,2 Jahren in Pension gingen. Trotz statistischer Verzerrungen wie der Verschiebung von Invaliditätsrentnern zu Reha-Geld-Beziehern liegt Österreich damit weit unter dem Schnitt der Industriestaaten von 65,1 Jahren für Männer und 63,6 für Frauen. Das hiesige Antrittsalter hat gerade einmal wieder das Niveau von 1993 erreicht, nach langjährigem Abwärtstrend.

Großzügige Leistung

Wer in Österreich in Pension geht, muss im internationalen Vergleich geringe Abstriche beim Einkommen hinnehmen. In der EU versprechen nur die Niederlande, Portugal und Italien künftigen Pensionisten eine höhere Rente im Vergleich zum durchschnittlichen Einkommen während des Erwerbslebens. Das gilt nach wie vor: Wer heute in Österreich mit 20 bis zum Pensionsalter durchgehend Beiträge zahlt, hat Anspruch auf eine Pension von gut 90 Prozent seines Durchschnittsverdiensts. Gleichzeitig ist in kaum einem anderen Land die ältere Bevölkerung so abhängig von staatlichen Transfers.

Auf großem Fuß

Die heimische Großzügigkeit bei den Pensionen spiegelt nicht das Lohnniveau wider. So liegt Österreich beim durchschnittlichen Bruttojahreseinkommen auf Platz elf in der OECD. Auch wenn man die Kaufkraft berücksichtigt, ändert sich wenig an diesem Befund (Platz zehn). In beiden Fällen führt die Schweiz die Liste an. Aber auch die Deutschen und die Dänen verdienen besser. Der Effekt verstärkt sich noch, wenn der Steuerkeil zwischen Brutto- und Nettoeinkommen bedacht wird.

Die vergleichsweise großzügigen Pensionen, sowohl in der Höhe als auch in der Auszahlungsdauer, bei "lediglich" mittelhohen Einkommen treiben die staatlichen Kosten für die Altersvorsorge in Österreich in die Höhe.

Die Pensionsausgaben machten 2013 – dem letzten Jahr mit internationalen Vergleichsdaten – mehr als 13,4 Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung aus. Nur Griechenland, Italien, Frankreich und Portugal wenden einen höheren Anteil für die Altersvorsorge auf. Laut jüngster Budgetprognose des Finanzministeriums liegt der Anteil aktuell über 14 Prozent. Das sind rund 50 Milliarden Euro jährlich. Sowohl die OECD als auch das Finanzministerium prognostizieren einen leicht steigenden Anteil von über 14,5 Prozent bis 2050.

Das wirkt nicht dramatisch. Aber wie kann das sein, angesichts all der schlimmen demografischen Szenarien?

Ungewisse Zukunft

Erstens greifen frühere Pensionsreformen: Die besonders üppigen Beamtenpensionen werden künftig mit ASVG-Versicherten harmonisiert. Ab 2024 steigt sukzessive das Pensionsantrittsalter der Frauen. Der Anteil der von der Hacklerregelung Betroffenen sinkt über die Jahre. Auch längere Durchrechnungszeiten senken künftige Pensionen. Wie die Prognose der Nettoersatzraten gezeigt hat, bleiben die Leistungen aber vergleichsweise üppig.

Zweitens wächst die Wirtschaftsleistung seit Jahrzehnten, nicht nur absolut, sondern auch pro Kopf. Seit 1995 ist das Bruttonationalprodukt pro gearbeiteter Stunde um rund 30 Prozent gestiegen. Gleichzeitig stieg in den letzten Jahren trotz höherer Arbeitslosigkeit die Gesamtbeschäftigung. Unter den 55- bis 64-Jährigen ist die Beschäftigungsrate seit dem Jahr 2000 um mehr als 20 Prozentpunkte gestiegen, ein Spitzenwert unter den OECD-Ländern.

Auch der jährliche Wanderungssaldo von rund 44.000 Personen seit dem Jahr 2000 belebt den Arbeitsmarkt. Ohne Frauen, die neu in den Arbeitsmarkt treten und deren Anteil nach wie vor steigt, und die Arbeitsmigration wäre die Situation viel prekärer.

Drittens sind Prognosen auf Jahrzehnte in die Zukunft hinein höchst ungewiss. Sowohl Wachstum als auch Produktivitätsgewinne haben sich in den vergangenen zehn Jahren verlangsamt. Ob das Bevölkerungswachstum auch zu höheren Pensionsbeiträgen führt, hängt nicht zuletzt von der langfristigen Integration von EU- und Nicht-EU-Ausländern in den heimischen Arbeitsmarkt ab.

Die Skepsis über künftige Wachstumspotenziale wird international laut. Der Stanford-Ökonom Nicholas Bloom hat jüngst darauf hingewiesen, dass Innovation als Wachstumsmotor immer aufwendiger geworden ist. "Was mich am meisten besorgt, sind unsere Pensionssysteme und Budgetdefizite", sagt Bloom. Die Politik blicke 20 bis 30 Jahre zurück und gehe davon aus, dass die nächsten Jahrzehnte ähnlich gut verlaufen. Das könne ein böses Erwachen geben.

Reformideen

Die OECD hat in den vergangenen Jahren ein Abflauen des Reformeifers festgestellt. Damit ist Österreich allerdings nicht gemeint, zumal hier der Reformstau schon viel länger dauert. In der aktuellen Analyse wird lediglich die Einführung der Teilpension hervorgehoben.

Viele Länder haben mittlerweile Nachhaltigkeitsfaktoren eingeführt. Entweder das gesetzliche Antrittsalter, die Pensionshöhe oder beides steigt mit der Lebenserwartung.

Die OECD empfiehlt zudem, den Pensionsantritt möglichst fließend und flexibel zu gestalten, mit Abschlägen, die nicht allzu verzerrend wirken. Zumal immer mehr alte Menschen arbeitsfähig bleiben, spricht nichts dagegen, diese Option zu forcieren. Oft sind es jedoch kulturelle Faktoren in der Arbeitswelt, die verhindern, dass bestehende Regelungen ausgenutzt werden, hält die OECD fest. Fest steht: Ein fließender Übergang vom Arbeitsleben in die Pension würde das ganze Sozialsystem nachhaltiger machen. (Leopold Stefan, 5.12.2017)