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Pirls-Studie: Zehnjährige lesen wieder besser

5. Dezember 2017, 12:48

Kinder, deren Eltern nur Pflichtschulabschluss haben, hinken weiter hinterher. Insgesamt gehören 16 Prozent zur Risikogruppe

Wien – Österreichs Volksschüler können wieder so gut lesen wie vor zehn Jahren. Das hat die internationale Bildungsstudie Pirls (Progress in International Reading Literacy Study) ergeben. Mit 541 Punkten liegen die im Frühjahr 2016 getesteten Zehnjährigen im Durchschnitt der 24 EU-Teilnehmerländer und erreichen EU-weit Platz 16.

Bei Pirls werden die Leseleistungen am Ende der Volksschule getestet. 2011 hatten die Volksschüler 529 Punkte erreicht, 2006 waren es noch 538. In Österreich wickelt das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) die Studie ab.

Bildung der Eltern entscheidend

Die Ergebnisse zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand der Eltern und den Leistungen der Schüler. Der Abstand zwischen einem Schüler, dessen Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss haben, und einem, bei dem zumindest ein Elternteil einen akademischen Abschluss hat, beträgt 96 Punkte. "Das entspricht einem Leistungsunterschied von drei Schuljahren", sagt Bifie-Direktorin Claudia Schreiner.

Jene Schüler, deren Eltern maximal Pflichtschulabschluss haben, konnten sich im Gegensatz zu allen anderen Gruppen seit 2006 auch nicht verbessern, sondern sind von 493 Punkten auf 477 gesunken. Auch wenn davon insgesamt nur fünf Prozent, also rund 4.000 Schüler, betroffen sind, sei diese Gruppe eine große Herausforderung, sagt Schreiner. "Sie sind im besonderen Maße vom Schulsystem und dem Unterricht abhängig."

Flüchtlingswelle noch nicht erfasst

Ebenfalls signifikant, aber nicht gar so drastisch ist der Leistungsunterschied von 52 Punkten zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund. Schreiner gibt allerdings zu bedenken, dass die Flüchtlingswelle aus dem Jahr 2015 in den Daten noch nicht erfasst ist, da die Flüchtlingskinder während des Untersuchungszeitraums zu großen Teilen noch als außerordentliche Schüler geführt wurden und deshalb nicht Teil der Studie waren.

Schüler mit Migrationshintergrund schneiden beim Pirls-Test schlechter ab.

Im internationalen Vergleich ist die Risikogruppe ebenso wie die Spitzengruppe in Österreich nicht besonders groß. Laut den Studienergebnissen gehören 16 Prozent der Volksschüler beim Lesen der Risikogruppe an, EU-weit sind es 18 Prozent. Zwei Prozent sind ganz an den Aufgaben gescheitert, 13 Prozent konnten explizit genannte Informationen in den Texten auffinden und wiedergeben und einfache Schlussfolgerungen ziehen. Sie schafften es aber nicht, Schlussfolgerungen über Eigenschaften, Gefühle oder Motivationen zu ziehen und Informationen zu vernetzten – diese Stufe zwei errichten 37 Prozent der getesteten Schüler.

Acht Prozent in der Spitzengruppe

Stufe drei – die Schüler können Beziehungen zwischen Handlungen und Ereignissen erklären und Entwicklungen über den Text hinweg erkennen und interpretieren – erreichen 39 Prozent. In die Spitzengruppe geschafft haben es acht Prozent der österreichischen Schüler: Sie können übergeordnete Themen erfassen, Ideen verknüpfen und vielschichtige Informationen interpretieren. EU-weit gehören zwölf Prozent dieser Gruppe an.

Volksschullehrer und Schulleiter sind grundsätzlich zufrieden mit der Ausstattung ihrer Schüler. Es fehle aber die Unterstützung durch Dyskalkulie- und Legasthenietrainer, die bei Lese- und Rechenschwächen helfen könnten. Fortbildungsbedarf gibt es insbesondere im Bereich Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache.

Russland und Singapur vorne

Insgesamt liegen die Leistungen der österreichischen Volksschüler über dem Durchschnitt der 47 Teilnehmerländer. Bifie-Direktorin Schreiner macht aber darauf aufmerksam, dass an der Pirls-Studie besonders viele Entwicklungsländer teilnehmen, die ganz andere Herausforderungen hätten als Österreich. Angeführt wird die Tabelle von Russland (581 Punkte) und Singapur (576).

Irland, Finnland, Polen und Nordirland sind die besten EU-Länder. Österreich liegt in etwa gleichauf mit den Niederlanden, Australien, Tschechien, Kanada, Slowenien, Deutschland, Kasachstan und der Slowakei. Letzter im internationalen Ranking ist Marokko mit 358 Punkten, der Oman kommt auf 418 und der Iran auf 428.

Bildungsministerin für Ganztagsschule

Bildungsminsiterin Sonja Hammerschmid (SPÖ) sieht den Grund für die besseren Leistungen gegenüber 2011 im Wirken erster Maßnahmen in der Schulpolitik. "Es geht in die richtige Richtung." So habe es an 70 Volksschulen und 100 Kindergärten ein Netzwerkprojekt zur Sprachförderung gegeben. Trotzdem sei das Ergebnis, dass Österreichs Volksschüler weiterhin nur durchschnittliche Leistungen schaffen, "inakzeptabel". Um das zu verbessern, müsse man unter anderem mehr Ganztagsschulen einführen. (Lisa Kogelnik, 5.12.2017)

Hintergrund: Die Pirls-Studie

Durchgeführt wird die Progress in International Reading Literacy Study (Pirls) alle fünf Jahre von der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) in Boston, USA. In Österreich wickelt das Bundesinstitut für Bildungsforschung die Studie ab. Sie testet die Leseleistungen von Schülern am Ende der vierten Klassen Volksschule.

Mit der von der OECD organisierten Pisa-Studie für 15- bis 16-Jährige lassen sich die Ergebnisse nur bedingt vergleichen, da bei Pirls neben vielen OECD-Staaten auch zahlreiche andere Staaten wie Ägypten, Aserbaidschan, Bahrain, Iran, Kuwait, der Iran, Marokko, Südafrika und Trinidad und Tobago mitmachen.

In Österreich wurde für Pirls im April und Mai 2016 eine Stichprobe von knapp 4.500 Schülern aus circa 150 zufällig ausgewählten Schulen getestet. Die Kinder mussten Informationstexte und literarische Texte lesen und anschließend dazu Fragen beantworten. Dafür standen ihnen 80 Minuten zur Verfügung. Per Fragebogen wurden außerdem Hintergrundinformationen erhoben, von denen angenommen wird, dass sie mit der Lesekompetenz in Verbindung stehen (zum Beispiel sozialer Hintergrund, Lesegewohnheiten, Unterrichtsstrategien, schulisches Umfeld). Die Daten einzelner Schüler und Schulen wurden nicht ausgewertet. (APA)

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Die Studie zum Download