Foto: Lukas Beck / Wiener Konzerthaus

Michael Schade: Todessehnsucht, lebendig

5. Dezember 2017, 13:33

Der Sänger ließ im Konzerthaus Schuberts "Winterreise" erleben. 2018 erfreut der Porträtkünstler mit drei Programmen

Wien – Der Winter hat in unseren Breitengraden seit Schuberts Zeiten an existenzieller Bedrohung verloren – Daunenjacken u. a. sei Dank. Dennoch war das Timing perfekt, als just am Morgen vor Michael Schades Gesangserzählung der Winterreise der erste Schnee die Stadt bedeckte.

Natürlich: Der Liederzyklus erzählt primär von einer Reise in umschattete Gefühlswelten, von der emotionalen Vergletscherung, der Herzensvereisung eines jungen Mannes, dessen Hoffnung auf Liebe sich zunehmend trübt. Die Jugendlichkeit des Protagonisten transportierte der 52-Jährige zum einen durch die wendige Agilität seiner Interpretation und zum anderen durch das glänzend-helle Timbre seines Tenors.

Von heldischer Stärke bis zu wispernder Zartheit reichte dessen Bandbreite, und oft kostete Schade diese im Lauf einer einzigen Strophe aus. Durch den aufschreiartigen Beginn ("Fremd bin ich eingezogen") wurde man noch etwas geschreckt, doch schon nach wenigen Takten löste sich die Furcht in Milde auf.

Einzigartig sowohl die Dinglichkeit als auch die Suggestivkraft von Schades Vortrag – der erfahrene Opernsänger erzählte nicht, er durchlebte die ständigen Wechselbäder von schroffer Realität und erinnertem, erträumtem, spinnwebzartem Glück mit wundem Herzen und wandelbarem Mienenspiel. Wundervoll etwa der Detailreichtum seiner Darstellung in Die Post. Malcolm Martineau war Schade am Klavier meist ein wacher Reisebegleiter. Die Pianissimo-Einleitung des Lindenbaum-Lieds kam zwar lärmisch wurlend daher, balsamisch friedvoll der Beginn von Das Wirtshaus.

Beim Wegweiser hatte es schon begonnen, einem das Herz zuzuschnüren: als der Thanatostrieb des Erzählers stärker und stärker wurde. Begeisterung für Schades quicklebendige Darstellung einer Reise in den Tod.

Schade, Porträtkünstler des Konzerthauses, wird im neuen Jahr noch mit drei Programmen zu erleben sein: am 9. 1. als Liedsänger mit einem Schumann-Abend (u. a. mit Sunnyi Melles), am 29. 4. als Solist von Brahms' Rinaldo-Kantate (mit den Wr. Symphonikern) und am 5. 6. mit dem Janoska Ensemble. (Stefan Ender, 5.12.2017)