Foto: Museum St. Petersburg

"Genosse. Jude": Von Utopie blieb Potemkinsches Schtetl

5. Dezember 2017, 15:40

Im Osten Russlands lebt die Erinnerung an eine legendäre jüdische Utopie: Die Stadt Birobidschan ist auch Thema der Schau "Genosse. Jude" im Jüdischen Museum Wien über die Strahlkraft, die der Marxismus nach der Revolution für Juden hatte

Wien/Birobidschan – Mehr als 7000 Kilometer trennen Wien und die Jüdische Autonome Oblast (JeAO) im Fernen Osten Russlands. Anfang der 1930er-Jahre waren linke Intellektuelle auch aus Österreich ausgerechnet in diese entfernte Region gereist, um hier das ambitionierteste jüdische Experiment der Sowjetunion mit eigenen Augen zu beobachten. Der davor nahezu unbewohnte Landstreifen nahe der chinesischen Grenze
war 1934 offiziell zur "jidischen ojtonome gegnt" erklärt worden – Juden wollten hier selbstbestimmt eine bessere, sozialistische Welt errichten.

Diese einzigartige Utopie sowjetischer Juden ist nun auch eines jener Themen, mit dem sich das Jüdische Museum in Wien in seiner Ausstellung Genosse. Jude. Wir wollten nur das Paradies auf Erden über Sowjetunion und Judentum anlässlich von 100 Jahren Oktoberrevolution beschäftigt. Zu sehen sind Fotos aus den ambitionierten Anfangsjahren und Dokumentarisches zum Hier und Jetzt.

Mehr als 80 Jahre nach der Gründung beläuft sich der jüdische Bevölkerungsanteil nur noch auf geschätzte anderthalb Prozent, und jiddische Straßenschilder im 60.000-Einwohner-Städtchen Birobidschan erweisen sich angesichts von nur noch ein paar Dutzend Sprachkundigen eher als Fassade. "Die Jüdische Autonome Oblast hat als Zentrum jüdischer Kultur jegliche Relevanz verloren", erklärt etwa der radikale jüdische Aktivist Aleksandr Lejkin in einem Manifest und fordert daher eine Umbenennung der Region. Die lokalen Eliten sehen das freilich anders: Das jüdische Alleinstellungsmerkmal soll einen denkbaren Verlust des Autonomiestatus verhindern, den der Kreml jederzeit anordnen könnte. Obwohl die wirtschaftlich schwache Region flächenmäßig etwa die Hälfte Österreichs ausmacht, leben hier lediglich 160.000 Menschen, Tendenz sinkend.

Eine zentrale identifikationsstiftende Rolle im Oblast spielt jedenfalls das alljährliche jüdische Kulturfestival, das im vergangenen Herbst von einem Beitrag aus Österreich dominiert wurde. Der Direktor des österreichischen Kulturforums in Moskau, Simon Mraz, hatte Künstler eingeladen, sich vor Ort mit dem Vermächtnis des ersten staatsartigen Gebildes der Juden im 20. Jahrhundert zu beschäftigen.

Sozialistische Musterstadt

Die Nationalitätenpolitik Lenins, die die Diskriminierung der Juden zunächst beendete, war etwa Thema eines Kurzfilms von Chaim Sokol. Verarbeitet wurden auch die Erinnerungen des legendären Schweizer Architekten und einstigen Bauhaus-Direktors Hannes Meyer (1889–1964), der Mitte der 1930er nach Birobidschan reiste, um hier eine sozialistische Musterstadt zu konzipieren.

Das Zeitfenster für große Experimente schloss sich jedoch schnell wieder. Meyers Birobidschan-Vorhaben stießen alsbald auf Widerstand, und der linke Architekt rettete sein Leben durch ein rechtzeitiges Verlassen der Sowjetunion. Vordenker des jüdischen Projekts fielen dem Großen Terror von 1937/38 zum Opfer, die avancierte Schtetl-Kultur vor Ort wurde ein Jahrzehnt später in einer weiteren Repressionswelle 1948/49 nahezu vernichtet.

In einem Birobidschaner Hinterhof brannten damals jiddische Bücher, und es wurden Institu tionen wie das jiddischsprachige Theater geschlossen, die sich der Weiterentwicklung der Kultur des osteuropäischen Judentums verschrieben hatten und gerade nach dem Holocaust besonders wichtig gewesen wären.

Trotz aller Widrigkeiten kam es in den allerletzten Jahren der Sowjetunion in der Stadt zu einer merklichen jüdischen Renaissance, gerade auch im Kunstbetrieb: Die Aktivitäten der Künstlergruppe "Werkstatt der proletarischen Avantgarde" führten in der Kleinstadt 1989 gar zur Gründung eines Museums für zeitgenössische Kunst. Die hochtrabenden Pläne verpufften jedoch kurze Zeit später mit der Öffnung der Grenzen: Birobidschans Juden entschieden sich mehrheitlich, nach Israel zu repatriieren. Der seit der Gründung amtierende Museumsdirektor Boris Kosswinzew ist heute ein linientreuer Mitstreiter der Kreml-Partei Einiges Russland und will mit politisch engagierter Kunst nichts mehr zu tun haben.

Jiddisch an der Schule

Die jüdische Gemeinde erfreute sich indes zuletzt über Zuwachs. Für eine Videoinstallation, die in Genosse. Jude. zu sehen ist, interviewte Ekaterina Shapiro-Obermair Schüler der nunmehr letzten dortigen Schule mit Jiddischschwerpunkt. Sprache und jüdische Traditionen, so erweist sich, sind in Birobidschan nicht nur eine Angelegenheit für Juden. Auch Kinder nichtjüdischer Herkunft begeistern sich für die Kultur jenes Volkes, dem die Region ihre Autonomie zu verdanken hat. (Herwig Höller, 5.12.2017)

Jüdisches Museum Wien, bis 1.5.


Die Reise nach Birobidschan erfolgte auf Einladung des Österreichischen Kulturforums in Moskau.