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Anlaufstelle für Belästigung im Parlament: Vertrauen schon verspielt

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6. Dezember 2017, 10:38

Schirmherrin der Anlaufstelle soll Christine Bauer-Jelinek werden, die vor ein paar Jahren ihre These über die "Bevorzugung von Frauen" verbreitete

Sie ist Psychotherapeutin, Wirtschaftscoach und wurde im Zuge #MeToo-zentrierter Talkformate zuletzt auch als "Machtexpertin" vorgestellt. Doch insbesondere ihre Tätigkeit als Buchautorin sollte man bei Christine Bauer-Jelinek nicht unterschlagen. Denn unter den von ihr verfassten Büchern wie "Die helle und die dunkle Seite der Macht" und "Machtwort" findet sich auch eines mit dem griffigen Titel "Der falsche Feind. Schuld sind nicht die Männer". Worum es darin geht? Dafür findet Bauer-Jelinek auf ihrer Website eine knackige Zusammenfassung: Es ist eine "massive Kritik an der heute üblichen Bevorzugung der Frauen", heißt es dort über das 2012 erschienene Buch.

Tolldreiste Behauptungen

Mit dem Gestus der Tabubrecherin präsentierte Bauer-Jelinek damals ihre Thesen über die "wahre" Geschlechterschieflage, in der Frauen längst die Macht hätten und jegliche frauenpolitische Maßnahme ein Schuss weit übers Ziel hinaus sei. Dass die Sachbuch- und Karriereratgeberregale voll solcher tolldreister Behauptungen zum Thema Gender inklusive Feminismusbashing sind, ist nichts Neues. Erstaunlich ist allerdings, wenn die Autorin eines solchen Buches einige Jahre später als Schirmherrin für eine Belästigungsanlaufstelle im österreichischen Parlament eingesetzt wird, wie Nationalratspräsidentin Elisabeth Köstinger (ÖVP) letzte Woche mitteilte.

Noch erstaunlicher wird es, wenn man sich vergegenwärtigt, warum eine solche Anlaufstelle offenbar nötig ist: weil unzählige Männer ihre Machtposition ausnützen, um Frauen sexuell zu belästigen, zu begrapschen oder sogar zu vergewaltigen, wie die im Zuge von #MeToo öffentlich gewordenen Fälle zeigen. Wir erinnern uns: Bauer-Jelinek ist – oder war zumindest 2012 – aber der Ansicht, dass eigentlich Frauen die Bevorzugten sind. Ihr müsste es demnach eigentlich ein Rätsel sein, dass mehrheitlich Frauen Opfer von Übergriffen werden.

Entscheidungen à la ÖVP

Trotzdem erschien sie Köstinger als geeignet, die Parlamentsanlaufstelle für Betroffene von sexueller Belästigung zu beraten, eine Autorin, die noch vor ein paar Jahren ein politisches System kritisierte, das mit nichts anderem als Gleichstellung, Quotenregelung und Antidiskriminierung beschäftigt sei, wie Bauer-Jelinek im Zuge der Veröffentlichung von "Der falsche Feind" meinte.

Dass Bauer-Jelinek jetzt eine so wichtige Aufgabe übernimmt, ist einmal mehr eine frauenpolitische Entscheidung à la ÖVP. Elisabeth Köstingers Beteuerung, die Anlaufstelle sei ihr "ein großes Anliegen", ist unglaubwürdig. Und mit dem von ihr angekündigten "vertrauensvollen Rat", den die Anlaufstelle bieten soll, dürfte es schwierig werden. Mit Verachtung und Polemik gegen Feminismus lässt sich das Vertrauen von Opfern von Übergriffen und sexualisierter Gewalt nicht gewinnen. (Beate Hausbichler, 6.12.2017)