Foto: Michel Comte

Michel Comte: Verewigen, was nicht mehr ewig ist

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6. Dezember 2017, 10:45

Der Fotograf gibt in Rom und Mailand erstmals Einblick in seine lange Faszination für Gletscher

"Wir sind nahe des Kipppunktes, an dem die globale Erwärmung irreversibel wird", kommentierte der britische Physiker Stephen Hawking im Juli US-Präsident Donald Trumps Aufkündigen des Pariser Klimaabkommens. Sein Handeln, so Hawking, könnte der Erde Venusmomente bescheren – dort herrschen Temperaturen von mehr als 250 Grad Celsius.

Michel Comte am Eiger Massiv, Schweiz
foto: michel comte

An Hawkings Worte erinnerte Fotograf Michel Comte dieser Tage in Rom und Mailand sehr eindringlich. Comte ist bekannt für seine berühmten Fotos von Stars wie Iggy Pop, Sophia Loren, Miles Davis und Anthony Hopkins oder auch für sein Aktbild von Carla Bruni, das für 91.000 Dollar versteigert wurde, als diese Frankreichs First Lady war. Die Österreicher kennen vom 1954 in Zürich Geborenen vor allem ein Foto, von dem er später sagte: "Das Beste an dem Bild war, dass es ein Skandal wurde." Das Bild aus Vanity Fair zeigte Karl-Heinz Grasser, posierend vor dekadentem Barockensemble mit Nadelstreif über nacktem Sixpack.

Nun zeigt Michel Comte aber im Museum MAXXI in Rom und auf der Triennale in Mailand künstlerische Arbeiten, die mehr mit ihm selbst zu tun haben und für die er vor zehn Jahren seine kommerzielle Arbeit aufgab: mit seiner Leidenschaft für Natur, Berge und Gletscher und dem tiefwurzelnden Engagement des Schweizers, Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen.

Michel Comtes Installation "Glacier Lake. It’s too late to save but not too late to slow down the process", Teil seiner Ausstellung "Black Light, White Light" bei der Triennale di Milano.
foto: michel comte

Es sind stille, in ihrer Fragmentierung oft fast schon abstrakte Fotografien von Gletscherlandschaften; Comte verewigt das, was nicht mehr ewig ist, die schwindenden Schönheiten des Eises. Ob nun filmische Aufnahmen von mit lautem Getöse abbrechenden Eismassen, die beim Betrachten ein ohnmächtiges Staunen erzeugen oder mit Muranoglas nachempfundene Eislandschaften, die Arbeiten des 63-Jährigen erzählen zwar vom Sublimen, pittoresk sind sie dennoch nicht, eher von spröder Anmut. Manchmal, etwa wenn er die Plastikfolien zeigt, die die Gletscher vor weiterer Sonneneinstrahlung schützen sollen, hat das auch etwas Morbides, an Leichensäcke Erinnerndes.

Michel Comte: Gletscherdecken in
British Columbia, die das Abschmelzen durch Sonneneinstrahlung abmildern sollen.
foto: michel comte

"Die Wüsten werden sich ausbreiten, die Ozeane aufheizen, es wird mehr und stärkere Stürme geben", mahnt Comte im Standard-Interview. Was er nicht versteht: "Warum sind wir so ignorant? Warum hören wir nicht auf die Signale, bevor wir bei 50 Grad Celsius in den Städten schwitzen?" Man könne etwas ändern! Grünere Städte! Mehr zu Fuß gehen! Weniger online konsumieren! "Wir haben inzwischen fast so viele Frachtflugzeuge wie Passagiermaschinen!" Also auch bewusster reisen! Nicht alle seiner Aufnahmen entstehen per pedes oder Drachenflieger, manchmal ist der Helikopter unerlässlich. Doch privat reist Comte, etwa zur Schau nach Rom, mit dem Zug.

Michel Comtes "Light , The Fall" (2017) als 3D-Mapping an der Fassade des MAXXI-Museums in Rom
der standard

Mit den Porträts der Gletscherareale begann Comte vor mehr als 30 Jahren, die Faszination reicht allerdings noch weiter zurück. Mit den Bildern seines Großvaters, des Schweizer Flugpioniers und späteren Swiss Air-Mitbegründers Alfred Comte (1895-1965), der bereits 1914 von seiner Alpenüberquerung die unglaublichsten Luftaufnahmen in der Sonne glitzernder Gletscher mitbrachte, waren ihm die Berge quasi schon in die Wiege gelegt.

Aber damals bedeckten deren Spitzen noch weiße Massen, "es gab noch keinen globalen Rückzug der Eiskappen". Bilder also, die etwas Unbezwingbares ausstrahlten, ebenso wie die ersten Fotografien, die in den 1860er-Jahren unter großen Anstrengungen von den Gebrüdern Bisset oder Gustav Jägermayer von den Besteigungen des Mont-Blanc-Massivs oder des Großglockners mitgebracht wurden. Comte zeigt eine schroffe Bergwelt, deren Massive dennoch fragil und verletzlich wirken können.

Michel Comte: Himalaya, im Gebiet des K2
foto: michel comte

Es war beim Bergsteigen – Comte war bis zum Tod eines Freundes ein begeisterter, ja extremer Kletterer -, als er den raschen Rückzug der Gletscher bemerkte. 1986, Comte verbrachte ein Jahr im Himalaja, traf er in einem Kloster eine Gruppe chinesischer Wissenschaftler. Sie erklärten ihm, der einzige Grund, warum China sich für Tibet interessiere, seien dessen Wasserreserven. Man sei damals davon ausgegangen, 2020 einen massiven Wasserengpass zu haben.

Michel Comte: "Reflection of
Matterhorn"
foto: michel comte

Zurück in der Schweiz sei er wieder Klettern gegangen, "zum Piz Morteratsch, Piz Roseg, aber auch in die Dolomiten, ins Montblanc-Massiv, nach British Columbia, zurück zum K2. Ich begann, die Veränderungen mit eigenen Augen zu sehen." Und der Rückgang war um so vieles gravierender als jene 20 Zentimeter, von denen die Wissenschaft sprach.

Michel Comte: "Light. Requiem", Installation, 2017
foto: michel comte

In Rom hat Comte nun einen intensiven Moment der Andacht und Stille geschaffen: Im tiefen Dunkel eines verschwenderisch großen Saals wirkt sein Szenario von Erhabenheit und Verlust besonders intensiv. In der Düsternis scheint man allein mit der Erfahrung, mit dem Anblick des schimmernden, von Eis bedeckten Bergmassivs, das mittels 3D-Mapping-Technik auf einen schwarzen Granitbrocken projiziert ist.

Der Gletscher zieht sich jedoch vor den Augen des Betrachters rasant zurück. Übrig bleibt tiefgrauer Fels und ein trauriges Unbehagen, das auch vom Grollen und Knacksen des Soundteppichs genährt wird, ein Mix (Maurizio Argentieri) von am Gletscher aufgenommenen Geräuschen. Der Titel antwortet dem Gefühl: Requiem.

Arbeit "ohne Titel" vor Michel Comtes Installation "Glacier Lake. It’s too late to save but not too late to slow down the process", Teil seiner Ausstellung "Black Light, White Light" bei der Triennale di Milano.
foto: michel comte

Vom Verschwinden erzählen auch Comtes Fotos der Schweizer Gletscher Val Roseg, Aletsch und Morteratsch: keine heroischen Panoramabilder aus der Totalen, sondern nicht konkret verortbare Ansichten, Nahsichtigeres, das sich unter schwarzem Glas noch mehr dem Blick entzieht. Gegenübergestellt sind diese traurigen Mitbringseln aus den Regionen: Gestein, das lange unter dem Eis verborgen war und das Comte als "Gletscher Wiedergänger" bezeichnet.

Strukturen bedrohter Gletscher: "Light. Val Roseg Gletscher, Schweiz" (2017) von Michel Comte.
foto: michel comte

Vom Charakter gänzlich anders ist eine Serie, die er 2009 über das Berner Oberland gemacht hat, sie ist idyllischer, spektakulärer. Aber auch schon dort schwingt, etwa in der Schwarzweißaufnahme eines Hängegletschers auf der Blüemlisalp, die Geschichte des Rückzugsgefechts der Gletscher mit.

Man müsse fühlen, um zu verstehen, sagt Comte. Wie der Krieg ist, könne man auch nicht sagen, "das muss man riechen". Fernsehen sei ein zu flaches Informationsmedium. Er bejaht, dass das auch der Grund ist, wieso er das Medium der Fotografie nun um Raumgreifendes, begeh- und erlebbare Environments erweitert hat. "Zunächst macht man die Hirsche und die Landschaft", lacht Comte. Was er nun mache sei abstrakter, aber es sei auch realer. "Am Ende ist es immer schwerer einen Lucio Fontana zu verstehen als einen Johann Heinrich Füssli." Er sei da Fontana näher oder Michael Heizer, Giuseppe Penone, Walter de Maria oder Robert Smithson. "Ich bin besessen von Land Art". Nächstes Jahr realisiert Michel Comte in der Mojave-Wüste "The Ring of Fire", eine Land-Art-Arbeit, die das global zu beobachtende Sahel-Syndrom, das Versteppen von Arealen zum Thema hat.

Michel Comte: "Val Roseg, August 2017, final days of glacier"

Ob seinen Arbeiten etwas Erzieherisches anhaftet? Comte zögert, dann: "Was die Leute wirklich machen sollten, sind Touren nach Val Roseg." Dort habe man begonnen, Schilder aufzustellen, die anzeigen, wie viel Meter pro Jahr die Gletscher verschwinden. Das ist Mindmaking." Die Leute müssten wieder in der Natur schlafen, nicht campen und Müll produzieren, sondern auf Berghütten gehen, den Sonnenaufgang draußen erleben, die Erde erfahren. "Wir haben keinen Kontakt mehr zur Erde, aber wir müssen wieder in Kontakt kommen." (Anne Katrin Feßler, 6.12.2017)

"Light", MAXXI Museum, Rom, bis 10. 12.; "Black Light, White Light", Triennale di Milano, bis 6. 1.

Die Reise nach Rom wurde finanziert von Comte Media.