Foto: Deutsche Kinemathek, Berlin

Eine Grammatik des Leidens unter dem Rassismus

7. Dezember 2017, 00:00

Das Mumok-Kino widmet dem Filmemacher Frank Wilderson den Filmabend "Reparations ... Now"

Wien – In den Morgenstunden des 25. Mai 1997 trafen die weißen amerikanischen Jugendlichen Jeremy Strohmeyer und David Cash auf die siebenjährige Sherrice Iverson. Das afroamerikanische Mädchen war von ihrem Vater im Kasino in Nevada alleingelassen worden. Strohmeyer folgte dem Mädchen auf eine Toilette, später kam auch noch Cash hinzu, der nicht eingriff, als Sherrice Iverson vergewaltigt und ermordet wurde.

Auch nach der aufsehenerregenden Tat hatte er anscheinend wenig Unrechtsbewusstsein. Das geht jedenfalls aus dem Statement eines Studenten namens Adrian hervor, der in Frank Wildersons Film Reparations ... Now über den Fall spricht und sich dabei darüber erregt, dass Cash nach diesem "ungeheuerlichen Verbrechen" sogar so etwas wie Popularität genoss – bei weißen Amerikanern.

Die Angelegenheit dient Wilderson als eines von mehreren Beispielen, mit denen er (drei Jahre vor der 2005 noch kaum denkbaren Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten) auf einen anhaltenden, tief verwurzelten Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft aufmerksam machen wollte. Wilderson gilt als eine Galionsfigur des sogenannten "Afropessimismus", einer Beschäftigung mit dem auch durch Bürgerrechtsbewegung, Affirmative Action und andere emanzipationspolitische Bemühungen keineswegs überwundenen Rassismus in Amerika. "Theorizing Anti-Blackness" lautet dementsprechend der Titel einer Konferenz in der Akademie der bildenden Künste Wien zum Thema Afropessimismus, an der Wilderson am 14. Dezember auch persönlich teilnehmen wird.

Einen Tag zuvor präsentiert er im Mumok-Kino den knapp 25 Minuten langen Film Reparations ... Now über verschiedene Erfahrungen mit "Anti-Blackness". Wilderson, der auch an einer Universität lehrt und unter dem Titel Incognegro eine hochinteressante Autobiografie über seine Zeit in Südafrika vorgelegt hat, holt in seinem Film Zeugnisse ein. Zu Wort kommt etwa eine afroamerikanische Akademikerin, die aufgrund des Rassismus in ihrer Institution unter Panikattacken leidet und am liebsten verschwinden würde: "I made myself an invisible person", sagt sie, "ich wurde zu einem Gespenst". Anklänge an Ralph Ellisons berühmtes Buch The Invisible Man sind dabei sicher gewollt.

"Eine Grammatik des Leidens" nennt Wilderson sein "work in progress", mit dem er bis zur Erfahrung der Sklaven zurückgeht, von der heutige Afroamerikaner keineswegs weit entfernt sind. "I don't know why we're such a hated race", sagt eine Frau, die auf der Straße Zeitungen verkauft. Abbey Lincoln singt ein Klagelied: "Down here below it's not so easy just to be." Einfach in Ruhe zu leben, nicht einmal das gönnen viele weiße Amerikaner den Nachfahren der Sklaven, für die Wilderson sarkastisch Reparationen einfordert. Und sei es nur ein Gutschein für einen Hamburgerladen, der den gleichen Namen trägt wie früher eine Plantage in Louisiana.

Experimentelle Anzüglichkeit

Der zweite Film an dem Abend mit Frank Wilderson ist Dutchman (1966), eine Verfilmung des gleichnamigen Stücks von Amiri Baraka, in dem eine weiße Frau und ein schwarzer Mann auf einer U-Bahn-Fahrt in New York ein ganzes Spektrum von möglichen Beziehungen zwischen ihnen in einer fast experimentell anmutenden, anzüglichen Konversation durchprobieren. Dieser selten zu sehende Film bildet ein prägnantes Echo zu den Klagen aus Reparations ... Now. (Bert Rebhandl, Spezial, 7.12.2017)

13. Dezember, 19.00


Spezial Mumok ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.