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Missbrauch im Skisport: "Trainer haben sich die 15- bis 20-jährigen Mädchen aufgeteilt"

Bericht mit Video |
7. Dezember 2017, 06:00

Ex-Rennläuferin und Journalistin Helen Scott-Smith erzählt über eine österreichische Unkultur und die Vergewaltigung durch einen Servicemann

Ihr Vater ist Brite, ihre Mutter ist Schweizerin. Helen Scott-Smith, Jahrgang 1958, wächst in Genf auf, wo ihr Vater als Manager für die Lloyds Bank und die Mutter als Übersetzerin und Korrektorin für die WHO arbeitet. Helen besucht eine Privatschule und beginnt Ski zu fahren, als Teenager mischt sie bei Schülerrennen und auf interregionaler Ebene an der Spitze mit, quasi dritte bis vierte Leistungsstufe.

Helen Scott-Smith wirft ihren ehemaligen Skitrainern vor, ihr unmoralische Angebote gemacht zu haben. Aus Scham traute sie sich bisher nicht mit den Vorfällen an die Öffentlichkeit zu gehen.
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Als die Abfahrts- und Riesenslalomspezialistin als 15-Jährige bei einem FIS-Rennen in Wengen reüssiert, werden die Briten auf sie aufmerksam. Helen bekommt das Angebot, im britischen Team mitzutrainieren und um einen Startplatz bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck zu kämpfen. Sie nimmt das Angebot an.

"Wir, also die Britinnen, hatten zwei österreichische Trainer. Wir waren bei den British National Championships in Schottland, in Aviemore. Ich bin da als 16-Jährige allein aus Genf hingeflogen, das war schon ein Abenteuer.

Es gab keine Handys, ich hatte keine Kreditkarte, nur ein paar Pfund in der Tasche. Mein Vater hatte mein Zimmer im Teamhotel schon im Voraus bezahlt. Ich bin am späten Abend angekommen, wollte mir an der Rezeption meinen Zimmerschlüssel holen. Da hat man mir gesagt, dass schon einer unserer Trainer den Schlüssel hat.

Der Trainer ist dann gekommen und hat gesagt, der Verband hätte nicht genügend Zimmer gebucht, aber ich könnte ja auch in seinem Zimmer schlafen. In seinem Zimmer! Das war mein Zimmer, mein Vater hatte es bezahlt. Ich war richtig geschockt. Und ich wollte auf keinen Fall in einem Zimmer mit dem Trainer schlafen.

Ich hab Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und bin dann Gott sei Dank noch in einem Bed and Breakfast untergekommen."

"Fresh meat haben sie sie genannt"

Schon in den 70ern sind etliche österreichische Trainer im Ausland tätig. Die meisten sind 25 bis 35 Jahre alt, sie coachen vor allem auch die Teams der kleinen Länder.

Großbritannien ist eines dieser kleinen Länder, im Skisport jedenfalls. In Skinationen wie Österreich oder der Schweiz hätte es Helen Scott-Smith nie und nimmer ins Nationalteam geschafft.

"Die Trainer haben sich die 15- bis 20-jährigen Mädchen aufgeteilt. ‚Fresh meat‘ haben sie sie genannt, und da haben sie sich bedient. Das war wirklich eine Geschichte der österreichischen Trainer.

Das war eine österreichische Kultur, eine Unkultur. Natürlich waren nicht alle österreichischen Trainer so, aber es waren auch nicht nur Einzelne, es waren mehr.

Vorher, als ich noch in der Schweiz gefahren bin, mit den Schweizer Trainern, ist immer alles okay gewesen. Aber im englischen Team mit den österreichischen Trainern habe ich Angst gehabt. Einer hat mich immer und immer wieder gefragt, ob ich mit ihm essen gehe. Nur du und ich, hat er gesagt. Es war klar, dass er mehr als essen gehen wollte.

Da war immer Macht und Verlangen zu spüren. Im Herbst 1975 haben mir die Trainer gesagt, dass ich nicht im Olympia-Team für Innsbruck bin. ‚Du hast nicht alles getan, was wir von dir wollten‘, haben sie gesagt. Und ich habe gewusst, was sie damit gemeint haben."

"Ich war immer nett, war immer seriös"

Wenn Helen Scott-Smith an diese Zeit zurückdenkt, sieht sie ein 16-jähriges Mädchen, das sich gegen doppelt so alte Männer behaupten muss. Sie sagt, sie habe Glück gehabt und sie sei stark genug gewesen, nicht um jeden Preis ins Team zu wollen. Andere, sagt sie, hätten und haben alles dafür getan. Sie nicht. Darauf ist sie stolz.

"Passiert ist mir erst Jahre später etwas, als ich schon Journalistin war. Da ist es dann richtig brutal geworden."

1987 kehrt Helen Scott-Smith in den Ski-Weltcup zurück. Vorher hat sie in Genf Wirtschaft und Politik studiert, ohne das Studium abzuschließen. Im Skizirkus fällt sie auf, zu der Zeit gibt es im Weltcup kaum Journalistinnen.

Sie arbeitet viel und gut, verschafft sich Respekt. Als Freie beliefert sie Zeitungen, Radiostationen und TV-Sender in Deutschland, Österreich und der Schweiz, nebenbei moderiert sie Pressekonferenzen für Rennveranstalter (u. a. Adelboden, Wengen, Kitzbühel, Schladming), oder sie übersetzt.

Mit den österreichischen Journalistenkollegen versteht sie sich besonders gut, viele freundschaftliche wie geschäftliche Beziehungen werden lange halten. Helens zweite Sportart ist Tennis, in diesem Bereich ist etwa der ORF ein Abnehmer, auch noch beim ATP-Masters im November 2017.

"Ich war immer nett, war immer seriös, ich bin nie halb nackt herumgelaufen, allen war klar, mir geht es nur ums Business.

Ich war oft bei den Serviceleuten, da hat man die besten Hintergrundgeschichten erfahren. Welcher Fahrer warum welchen Ski bekommt und wie der Ski präpariert wird, das sind entscheidende Fragen.

Ich bin dort hingegangen, wo andere Journalisten nicht so gerne hingegangen sind. So bin ich zu Geschichten gekommen, die ich gut verkaufen konnte."

Die erste Hälfte der 1990er-Jahre. Seit 1970 (Karl Schranz) wartet Österreich auf einen Gesamtweltcupsieger, das Warten wird erst 1998 (Hermann Maier) ein Ende haben.

Helen Scott-Smith hat viel zu tun. Manchmal greift sie selbst in die Tasten, manchmal steht sie im Zielraum und drückt einem Skifahrer oder einer Skifahrerin ihr Handy in die Hand, auf dass eine Redaktion in Österreich zu O-Tönen kommt.

"Wer hätte mir geglaubt?"

"Als ich 34 Jahre alt war, bin ich vergewaltigt worden. Vom Servicemann eines österreichischen Skifahrers. Der Tross hielt sich nach den Rennen in Aspen im März 1993 in Denver auf, alle waren im selben Hotel untergebracht, um am nächsten Tag zurück nach Europa zu fliegen.

Von den Servicemännern sind etliche in ein Lokal zum Table Dancing gegangen. Kurz nach Mitternacht hat es an meiner Hotelzimmertür geklopft, und ich hab aufgemacht. Er ist über mich hergefallen, es hat nicht länger als zwei oder drei Minuten gedauert.

Warum ich nicht gleich reagiert und ihn angezeigt habe? Wer hätte mir geglaubt? Ich hab ja die Türe aufgemacht, mein Fehler, meine Schuld. Es hat wehgetan wie verrückt, es tut jetzt noch weh. Gott sei Dank bin ich nicht schwanger geworden."

Wenn sie zurückdenkt, sagt Helen Scott-Smith, macht ihr die Vergewaltigung heute weniger zu schaffen als der Druck, dem sie mit 16, 17 Jahren ausgesetzt war.

Und sie hat trotz mehrmaligen Nachfragens kein Problem damit, ihre Geschichte nicht anonym, sondern unter ihrem Namen zu erzählen. Sie will das. Sie ist alleinstehend.

Wie ihr Umfeld im Skizirkus reagieren wird, kann sie nur schwer abschätzen. Im Falle negativer Reaktionen würde sie den Skisport vielleicht hinter sich lassen. In ihrem journalistischen Leben steht die ehedem zweite Sportart mittlerweile an erster Stelle. Tennis hat Ski abgelöst.

"Viele haben weit mehr durchgemacht"

"Ich wollte das schon lange erzählen, wollte das loswerden. Ich wollte nur nicht die Erste sein. Es ist gut, dass Nicola Werdenigg diesen Mut aufgebracht hat. Ich weiß, dass es viele Frauen im Skisport gibt, die viel durchgemacht haben. Viele haben weit mehr durchgemacht als ich." (Fritz Neumann, 7.12.2017)