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Tausend Jahre im Boden: Die Wiedergeburt des wikingerzeitlichen Gokstad-Schiffs

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7. Dezember 2017, 08:00

Das Geheimnis des Mannes mit den zwei Pfauen und warum der Fund die nationale Identität Norwegens stärkte

Norwegen ist archäologisch besonders für seine Fundstellen aus der Wikingerzeit, dem jüngsten Abschnitt der nordischen Eisenzeit, bekannt. Die Wikingerzeit beginnt 793 AD mit dem Sturm auf das Kloster Lindisfarne in Nordengland und endet circa 1100 AD. Sie ist unter anderem für Bestattungen in monumentalen Schiffsgräbern bekannt. Eine der bekanntesten Bestattungen ist das Gokstad-Schiffsgrab, das im County Vestfold südlich von Oslo liegt.

Im späten 19. Jahrhundert war der Grabhügel noch auf einer Fläche von circa 45 mal 50 Meter und etwa fünf bis sechs Meter Höhe erhalten. Über sein Alter und seinen Inhalt war damals jedoch nichts bekannt. Obwohl im Volksmund als Gokstadhaugen oder auch Kongshaugen bezeichnet – abgeleitet von den altnordischen Worten kóngr für König und haugr für Hügel –, wurde den Legenden, die sich um den Grabhügel rankten, wenig Beachtung geschenkt. Das änderte sich schlagartig, als die beiden Söhne der naheliegenden Gokstad-Farm in den ersten Tagen des Jahres 1880 kurzerhand beschlossen, den Grabhügel eigenmächtig zu öffnen und unter dem gefrorenen Boden bemalte Holzfragmente fanden.

Ausgrabung 1880

Der Fund sprach sich bald bis in die Hauptstadt Oslo herum, wo Nicolay Nicolaysen, Präsident der Society for the Preservation of Ancient Norwegian Monuments, davon hörte. Als er die Fundstelle am 6. Februar 1880 besuchte und feststellte, dass es sich tatsächlich um altertümliche Überreste handelte, ließ er die Raubgrabung sofort stoppen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen begannen am 27. März mit einem Suchschnitt quer durch den Grabhügel, die bis Anfang Juni andauerten. Bereits am zweiten Tag wurde ein Teil des Bugs eines Schiffes freigelegt und im weiteren Verlauf der Untersuchungen wurde immer klarer, dass man es mit einem Schiffsgrab aus der Wikingerzeit zu tun hatte.

Heute geht man basierend auf dendro-chronologischen Untersuchungen von einer Errichtung des Schiffsgrabs zwischen 900 und 905 AD aus. Die Hügelaufschüttung dürfte ursprünglich höher gewesen sein; die obersten Schichten wurden jedoch durch das ständige Pflügen zerstört.

Der Mann aus dem Schiffsgrab

In einer in Blockbautechnik errichteten Grabkammer im Bereich des Hecks fand man einen 1,82 Meter großen, etwa 40 Jahre alten Mann mit ungewöhnlich grobem Körperbau. Zahlreiche Verletzungen an den Knochen legen einen gewaltsamen Tod im Kampf nahe. Die anthropologischen Untersuchungen fanden auch Hinweise auf einen Hypophysentumor als mögliche Ursache für die Krankheit Akromegalie, die zu einer ungewöhnlichen Ausprägung von Händen und Füßen, aber auch Nase und Ohren führt. Lange Zeit galt deswegen Olav Geirstadalv, auch als Digerbein (Riesiger Knochen) bekannt, als wahrscheinlichster Kandidat für die Identität des Toten.

Diese Hypothese musste allerdings aufgrund neuerer Datierungsergebnisse, die den Bau des Gokstadschiffes um das Jahr 890 AD legen – also Jahrzehnte nach Olavs Tod – verworfen werden. Der Mann aus dem Gokstad-Schiffsgrab wird zur sozialen Elite der Wikingerzeit gezählt, nicht zuletzt aufgrund der reichen Grabbeigaben, darunter zwei Boote. Auch 12 Pferde, sieben Hunde, und zwei Hühnerhabichte wurden mit ihm bestattet. Die ungewöhnlichste Grabbeigabe stellen aber zwei männliche Pfaue dar, einzigartig in skandinavischen Grablegungen. Wie diese beiden Exemplare in den kalten Norden kamen, bleibt ein Geheimnis.

Spuren nachträglicher Öffnung

Ein Loch in der Grabkammer zeugt davon, dass das Schiffsgrab nach der Bestattung nochmals geöffnet wurde. Ob es sich dabei um Grabraub oder eine rituelle Graböffnung handelt, ist nicht bekannt. Fakt ist jedoch, dass auch andere monumentale Grabhügel der Wikingerzeit, darunter das Oseberg-Schiffsgrab, Spuren nachträglicher Öffnungen zeigen.

Nach Abschluss aller Untersuchungen 1928 bestattete man die Gebeine des Toten abermals im wiederaufgeschüttete Grabhügel, der 1929 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung als archäologisches Monument eröffnet wurde. Doch der Mann aus dem Schiffsgrab sollte keine Ruhe finden. 2007 wurde er abermals exhumiert – einerseits um die Knochen vor Schaden zu bewahren. Andererseits, um sie für weitere Forschungen zugänglich zu machen.

Die Gokstad – ein hochseetaugliches Schiff

Das Gokstad-Schiff selbst besitzt eine Länge von 23,22 Metern und 5,18 Metern Breite und ist damit das größte der wikingerzeitlichen Schiffe, die bis heute in Norwegen gefunden wurden. Es war hochseetauglich, konnte sowohl gesegelt als auch gerudert und zu Entdeckungs- und Handelsreisen, aber auch für Überfälle eingesetzt werden. Der Schiffskörper besteht aus überlappenden, aneinander genieteten Eichenplanken, die wiederum an den Spanten befestigt wurden. Diese Bauweise setzt auf Stärke, Wendigkeit und Seetüchtigkeit und ermöglichte zusammen mit dem quadratischen Segel Geschwindigkeiten von circa zehn bis zwölf Knoten. Die Stärke der Mannschaft wird auf 34 Personen geschätzt, zusammengesetzt aus 32 Ruderern, sowie dem Steuermann und dem Beobachtungsposten.

Im Zuge des Begräbnisses wurde das Schiff in einen eigens ausgehobenen Graben platziert, dessen Sohle bis in marines Sediment, dem sogenannten blauen Lehm, reichte. Der Bug wurde mit Moos, Haselstrauchbündeln und einer Mischung aus Sand und Lehm überdeckt, bevor der Hügel aufgeschüttet wurde und das Schiff darunter verschwand. Durch diese Vorgehensweise und das feuchte Bodenmilieu wurden anaerobe Verhältnisse geschaffen, die die Zersetzung des Holzes soweit verlangsamten, dass das Gokstad-Schiff mehr als tausend Jahre im Boden überdauern konnte.

Komplexe und langwierige Konservierung

Die weitere Konservierung des Schiffes, nachdem es aus dem Grabhügel geborgen worden war, erwies sich dann auch als äußerst komplex und langwierig. Es dauerte ganze 21 Jahre, Schiff und Grabbeigaben zu stabilisieren und die Zersetzung der organischen Materialien durch den sukzessiven Entzug von Feuchtigkeit zu stoppen. Anschließend wurden die während der Grabung geborgenen Fragmente in langwieriger und sorgfältiger Arbeit wieder zusammengesetzt, so dass das Gokstad-Schiff heute zu 90 Prozent aus den geborgenen Originalhölzern besteht.

Nach der Ausgrabung 1880 wurde das Schiff über den Seeweg nach Oslo transportiert, wo es gelagert wurde, bis es 1932 im neugebauten Wikingerschiffmuseum auf der Museuminsel Bygdøy, in dem man auch das Tune- und das Osebergschiff bestaunen kann, seine letzte Ruhestätte fand. Die Schiffe und ihre Grabbeigaben zeichnen ein einzigartiges Bild der wikingerzeitlichen Elite und gehören heute zu den am besten besuchten Touristenattraktionen in Oslo.

Nationale Identität

Der Fund der wikingerzeitlichen Schiffe war aber nicht nur für die Archäologie von Bedeutung, er war auch für die junge norwegische Nation relevant, die sich erst im Jahre 1905 aus der Union mit Schweden löste. Die Entdeckung des Gokstad- und des Osebergschiffs stärkten das Bewusstsein einer nationalen Identität, zeugten die Schiffe doch zusammen mit den Stabkirchen von der kulturell reichhaltigen Vergangenheit Norwegens. Dieser Stellenwert ist auch heute noch spürbar: das Gokstad-Schiff ziert den neuen Hundert-Norwegische-Kronen-Schein. (Petra Schneidhofer, 7.12.2017)

Petra Schneidhofer ist Geoarchäologin und arbeitet am Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien. Sie beschäftigt sich mit Geomagnetik, Bodenradar, der Verwendung von Luftbild- und Satellitenaufnahmen sowie 3D-Visualisierungen.

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