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Gewalt schreibt sich ins Erbgut ein

7. Dezember 2017, 09:33

Eine Studie hat gezeigt: Gewalterfahrung der Großmutter während der Schwangerschaft ist noch in der DNA-Methylierung der Enkelgeneration nachweisbar

Konstanz – In den Kriegsjahren 1944 bis 1945 erlebten die Menschen in den Niederlande einen Hungerwinter. Untersuchungen ergaben, dass Kinder der Mütter, die während dieser Zeit schwanger waren, Tendenzen zu Übergewicht und Diabetes aufwiesen. Die Kinder der Frauen, die während der Belagerung von Leningrad im Zweiten Weltkrieg schwanger waren, zeigten hingegen keine dieser Neigungen. Der Unterschied: Im Gegensatz zur Sowjetunion entwickelte sich in Holland nach 1945 eine Wohlstandgesellschaft, in der es im Überfluss Nahrung gab. Die niederländischen Kinder waren jedoch auf eine ressourcenarme Hungerwelt programmiert.

Die These der Wissenschaft: Solche Codierungen ändern sich nicht innerhalb einer Generation. Zumindest Tierexperimente belegen die Übertragung auf mehrere Generationen von Nachfahren. Auch bei den Menschen ist nach bisherigen Untersuchungen davon auszugehen, dass in der Enkelgeneration noch epigenetische Spuren in der DNA zu finden sind, die auf Erlebnisse der Großmütter zurückgehen. Der Klinische Psychologe Thomas Elbert und sein Team konnten die "epigenetische Hypothese" nun in einer Studie weiter untermauern.

Unterschiedliche DNA-Methylierungen

Die Forscher werteten dazu Daten einer Region des brasilianischen Bundesstaates Rio de Janeiro aus, wo häusliche Gewalt und Gewalt in der Gemeinde verbreitet sind. Das Ergebnis: Massive Gewalterfahrung während der Schwangerschaft führt noch zu Gen-Modifikationen bei den Enkelkindern. Im Rahmen der Studie entnahm die Neuropsychologin Fernanda Serpeloni 386 Personen Speichelproben von Großmüttern, deren Töchtern und Enkelkindern.

Die Großmütter und Töchter wurden zusätzlich nach ihren Gewalterfahrungen in der Partnerschaft und in der Gemeinde vor, während und nach der Schwangerschaft befragt. Ein Fünftel der Großmütter berichtete von Gewalt durch den Partner während der Schwangerschaft, ein weiteres Fünftel hat Gewalt in der weiteren Familie und in der Gemeinde erfahren, sieben Prozent gaben an, während ihrer Schwangerschaft beiden Formen von Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein.

Das Ergebnis: "Unsere Untersuchungen ergaben, dass insbesondere Gewalterfahrungen während der Schwangerschaft zu unterschiedlichen Methylierungen bei den Kindern führen. Das ist sowohl bei Gewalt durch den Partner als auch in der Gemeinde der Fall", so Thomas Elbert.

Mögliche Auswirkungen von pränatalem Stress

Die sogenannte DNA-Methylierung beschreibt den biologischen Mechanismus, dass bestimmten DNA-Bausteinen eine Methylgruppe angehängt wird. Sie stellt eine Reaktion des Erbguts auf die Umwelt dar, durch die Gene an- beziehungsweise abgeschaltet werden. Der Mechanismus funktioniert epigenetisch, da nicht die Gensequenz, sondern lediglich die Umsetzung der Erbinformation – also ihre Lesbarkeit – verändert wird.

Die Studie zeigte auch die Rolle der DNA-Methylierung bei der Übertragung von Stress zwischen den Generationen. "Methylierungsmuster sollten eigentlich Anpassungen an die Umwelt erleichtern", sagt Thomas Elbert. Es besteht die Möglichkeit, dass die Kinder mit dem veränderten DNS-Methylierungsmuster entweder ängstlicher werden, bis hin zur Depressionsneigung, oder dass sie nach außen aggressiv und wenig sensitiv anderen gegenüber werden. "Es steht mittlerweile außer Frage, dass pränataler Stress die Entwicklung des Nervensystems, die psychische Gesundheit und das Risiko für psychiatrische Störungen beeinflussen", so Thomas Elbert. (red, 7.12.2017)