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Erdoğan stellt bei Besuch in Griechenland Grenzverlauf infrage

7. Dezember 2017, 12:33

Historische Differenzen überschatten den Staatsbesuch, Athen ist verärgert

Athen/Ankara – Überschattet von historischen Differenzen hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Donnerstag seinen Staatsbesuch in Griechenland begonnen. Vor seiner Abreise stellte Erdoğan den Vertrag von Lausanne von 1923 infrage, der den Grenzverlauf zwischen den beiden Staaten regelt. Die griechische Regierung reagierte verärgert und mahnte, der Besuch solle "Brücken bauen, nicht Mauern".

In einem am Mittwoch gesendeten Interview sprach sich Erdoğan dafür aus, den Lausanne-Vertrag neu zu verhandeln. Der Luftraum und die Seegrenze könnten "verbessert" werden, sagte Erdoğan dem griechischen Sender Skai TV. In dem Abkommen waren Griechenland 1923 praktisch alle Ägäis-Inseln vor der türkischen Küste zugeschlagen worden. Seither gibt es Streit um den genauen Grenzverlauf.

"Ernste Besorgnis"

Erdoğans Äußerungen gäben Anlass zu "ernster Besorgnis" und würden Fragen aufwerfen, sagte der griechische Regierungssprecher Dimitris Tzanakopoulos am Mittwochabend. "Die griechische Regierung und der Ministerpräsident hoffen, dass der Besuch eine Gelegenheit ist, Brücken zu bauen, nicht Mauern." Es ist der erste Besuch eines türkischen Staatspräsidenten in Griechnland seit 1952.

Erdoğan traf am Donnerstagvormittag am Flughafen von Athen ein, wo ihn Außenminister Nikos Kotsias empfing. Später will er Präsident Prokopis Pavlopoulos und Regierungschef Alexis Tsipras treffen. Erdoğan war 2004 und 2010 als Regierungschef in Athen, aber noch nicht seit seiner Wahl zum Präsidenten 2014. Am Freitag will er in die Region Thrakien reisen, wo eine große türkische Gemeinde lebt.

Zwischenfälle

Unter Erdoğans Regierung hat sich das historisch schwierige Verhältnis zu Griechenland verbessert, und Erdoğan unterhält gute Beziehungen zu Tsipras. Es bleiben aber Streitfragen, und an der umstrittenen Seegrenze gibt es regelmäßig Zwischenfälle zwischen Marineschiffen. Auch wirft Ankara dem Nachbarn vor, zahlreichen Beteiligte am gescheiterten Militärputsch von Juli 2016 Zuflucht zu bieten.

Tsipras versicherte vor Erdoğans Besuch, Putschverdächtige seien in Griechenland "nicht willkommen". Besonders brisant ist der Fall von acht Militärangehörigen, die nach dem Putschversuch in einem Hubschrauber nach Griechenland geflohen waren, wo sie Asyl beantragten. Erdoğan beklagte in dem Interview am Mittwoch, Tsipras habe deren Auslieferung an die Türkei versprochen, doch sei das noch immer nicht geschehen. (APA, 7.12.2017)