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Nadja Swarovski: "Musste um 50 Prozent mehr arbeiten"

Interview |
1. Jänner 2018, 11:00

Nachhaltigkeit? Geschlechtergerechtigkeit? Wird in der Modebranche kaum diskutiert. Ein Gespräch mit Nadja Swarovski, die bei den British Fashion Awards genau das einforderte

Es ist der krönende Abschluss des Modejahres – zumindest aus britischer Sicht: Preise werden übergeben, Designleistungen ausgezeichnet, Lebenswerke geehrt. In der Royal Albert Hall in London kam Anfang Dezember wieder das Who's who der Branche zusammen, um die British Fashion Awards zu zelebrieren.

Unter ihnen Nadja Swarovski und ein Teil des Swarovski-Clans. Der Tiroler Kristallerzeuger ist seit acht Jahren Partner des British Fashion Council in der Ausrichtung der Veranstaltung. Ein Teil des Sponsorings: die Vergabe des "Swarovski Award For Positive Change", der in seiner zweiten Auflage an Maria Grazia Chiuri ging, der ersten Frau an der Spitze des Modehauses Dior. Sie setzt sich mit viel Verve für Frauenrechte und die Anliegen des Feminismus ein. Das ist in der Modebranche keine Selbstverständlichkeit, wie Nadja Swarovski Stunden vor der Preisübergabe im Claridge's Hotel in London bestätigt.

Nadja Swarovski: "In New York wurde mir eine knallharte Arbeitsethik beigebracht."
foto: swarovski

STANDARD: Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Geschlechtergerechtigkeit: Warum werden diese Themen in der Mode so stiefmütterlich behandelt?

Nadja Swarovski: Wir wissen, dass die Modeindustrie der zweitgrößte Umweltverschmutzer ist, gleich nach der Energiewirtschaft. Wahrscheinlich wird genau aus diesem Grund so ungern darüber gesprochen. Leider haben sich bisher nur wenige Firmen Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Das hat sehr stark mit der unübersichtlichen Produktionskette zu tun, die man kaum kontrollieren kann – oder will. Viele Firmen sind nicht bereit, das Geld in die Hand zu nehmen, um dies zu ändern.

STANDARD: In der Modeindustrie arbeiten hauptsächlich Frauen, an der Spitze stehen aber durchwegs Männer. Warum ist es so schwierig, dies zu ändern?

Swarovski: Erst einmal ist es wichtig, positive Beispiele hervorzuheben – so, wie wir es mit diesem Preis machen. Mit Maria Grazia ist erstmals eine Frau Kreativdirektorin von Dior geworden. Ihre weibliche Sichtweise wird in ihren Kollektionen deutlich, und sie weist auch dezidiert darauf hin.

STANDARD: Chiuri hat lange an der Seite ihres Designkollegen Pierpaolo Piccioli gearbeitet. Sie musste 52 werden, bis sie es allein an die Spitze eines Modehauses schaffte. Ist das nicht symptomatisch?

Swarovski: Ich sehe das als Teil einer natürlichen Entwicklung. Was mir mehr Sorgen macht: Viele Frauen kehren nicht mehr in die Arbeit zurück, nachdem sie Kinder bekommen haben. Diesen Braindrain können wir uns nicht leisten. Wir müssen in unseren Unternehmen alles dafür tun, die Vereinbarkeit von Familie und Karriere zu erleichtern. Auch in Führungsebenen.

STANDARD: Wie ist das Verhältnis von Männern und Frauen bei Swarovski?

Swarovski: Bei den Arbeitern haben wir 74 Prozent Frauen, im Management sind es nur 23. Der Prozentsatz könnte höher sein.

STANDARD: Chiuri erregte mit ihrer ersten Dior-Kollektion viel Aufsehen, als sie Models in T-Shirts mit dem Aufdruck "We should all be feminists" auf den Laufsteg schickte. Kann ein T-Shirt wirklich etwas bewirken?

Swarovski: Das war eine sehr direkte Botschaft, auf die viele Menschen sehr positiv reagiert haben. Ich selbst bin keine Feministin, bei Swarovski geht es nicht um Feminismus, sondern um weibliche Selbstermächtigung. Da sehe ich einen großen Unterschied. Oft wird Feminismus mit einer Negativität Männern gegenüber assoziiert. Das ist etwas, womit ich nichts anfangen kann. Gleichberechtigung heißt für uns, tolerant allen gegenüber zu sein.

STANDARD: Sie würden das T-Shirt nicht tragen?

Swarovski: Nein, ich würde mein eigenes kreieren. Darauf würde "Sei brillant" stehen. (lacht)

Nadja Swarovski und Maria Grazia Chiuri am 4. Dezember bei den British Fashion Awards.
foto: swarovski

STANDARD: War es für Sie selbstverständlich, als Frau in die Führungsriege von Swarovski zu wollen? Das Unternehmen ist sehr männlich geprägt.

Swarovski: Ja, das war selbstverständlich, aber dann fiel mir auf, dass das andere nicht so sehen. Für meine amerikanische Mutter und meine amerikanischen Großeltern war es selbstverständlich, dass man sich durch Arbeit ausdrückt. Manchmal sagen Leute, du musst doch nicht arbeiten! Was für eine Verschwendung von Hirnschmalz, denke ich mir, wenn man nur zu Hause sitzt.

STANDARD: Das Vorurteil besagt, dass Frauen in Führungspositionen besonders viel leisten müssen. Merken Sie das auch?

Swarovski: Das kann ich bestätigen. Als ich im Unternehmen anfing, war nicht nur die Tatsache, dass ich eine Frau bin, sondern auch, dass ich jünger und ein Familienmitglied bin, schwierig. Man wollte partout Fehler finden, man wollte mich kritisieren. Es gab eine unglaubliche Schadenfreude. Ich musste um 50 Prozent mehr arbeiten.

STANDARD: Hat es Ihnen geholfen, dass Sie in London sitzen und nicht in Wattens?

Swarovski: Mir hat vor allem geholfen, dass ich meine Karriere in New York bei anderen Firmen begonnen habe. In New York geht es um Arbeit, nicht ums Geschlecht. In New York wurde mir eine knallharte Arbeitsethik beigebracht.

STANDARD: Anders als in der Filmindustrie hat die #MeToo-Debatte in der Mode kaum Wellen geschlagen. Warum wird die Debatte in der Mode nicht geführt?

Swarovski: Da ist zu viel Geld involviert. Aber ich glaube, dass die Debatte kommt.

STANDARD: Auf die Debatte beziehungsweise auf konkrete Resultate bei der Frage nach Magermodels warten wir immer noch. Die Mode scheint sich bei gesellschaftlichen Fragen sehr viel Zeit zu lassen.

Swarovski: Wir unterstützen zum Beispiel eine Initiative, die sich um mehr Bewusstsein bei Models kümmert. Es tut sich einiges. Ein 14-jähriges Mädchen scheint erwachsen zu sein, aber das stimmt nicht. Man will sich nicht vorstellen, was da für Sachen passieren.

STANDARD: Solange sich das momentane Körperbild nicht ändert, wird es weiterhin 14-jährige Models geben.

Swarovski: Beautyideale ändern sich nicht so schnell, aber ich habe die Hoffnung, dass Frauen wie Maria Grazia Chiuri auch in diesen Fragen Anstöße geben, unser extremes Schlankheitsideal zu überdenken. Männer sind da oft weniger sensibel.

STANDARD: Viele Designer sind schwul, Frauen und Mädchen werden wie Göttinnen und nicht wie lebendige Wesen behandelt.

Swarovski: Ich kriege selbst Komplexe, wenn ich mir die US-Vogue ansehe. Wie kann sich eine Durchschnittsamerikanerin diese Kleider leisten, wie kann sie jemals in sie hineinpassen? Das sind komplett unrealistische Bilder, die da entworfen werden. Es tut einem nicht gut, das zu sehen. Aber das wird sich ändern, das muss sich ändern. (Stephan Hilpold, RONDO, 1.1.2018)

british fashion council

Gewinner der British Fashion Awards

Designer des Jahres: Raf Simons, der soeben Calvin Klein neu erfindet.

Accessoire-Designer und Englands Designer des Jahres: Jonathan Anderson, der sowohl für sein eigenes Label als auch für seine Leistungen bei Loewe ausgezeichnet wurde.

Model des Jahres: Adwoa Aboah, die mit ihrem ungewöhnlichen Look für mehr Diversität in der Mode steht.

Weitere Preise gingen u. a. an Christopher Bailey (Burberry), Donatella Versace, Stella McCartney und Marco Bizzarri (Gucci).

Die Reise nach London erfolgte auf Einladung von Swarovski.