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Verstopfung: Was den Darm in Schwung bringt

28. Dezember 2017, 10:00

"Wenn man den Stuhldrang immer wieder unterdrückt, wirkt sich das sehr negativ auf das Verdauungssystem aus", sagt Gastroenterologe Clemens Dejaco

Der tägliche Stuhlgang zählt üblicherweise nicht zu den Dingen, über die bereitwillig gesprochen wird – obwohl nicht wenige Menschen unter chronischer Verstopfung leiden, im medizinischen Fachjargon "Obstipation" genannt. Konkrete Statistiken dazu gibt es nicht, in den europäischen Länder dürften Schätzungen zufolge zwischen fünf und 15 Prozent der Bevölkerung betroffen sein. "Das ist aber wahrscheinlich zu gering gegriffen, meine Erfahrungszahlen sind höher", sagt der Wiener Allgemeinmediziner Gerhard Wallner.

Bei einer Verstopfung ist der Stuhl verhärtet, vor allem weil Ballaststoffe oder Wasser fehlen. Dadurch kann er schwerer oder gar nicht mehr durch den Darm transportiert und schließlich ausgeschieden werden. Es gilt, zwischen akuter und chronischer Verstopfung zu unterscheiden. Erstere ist eher selten und tritt nur vorübergehend, zum Beispiel während Reisen, auf. Sie verschwindet meist, wenn die gewohnte Lebensweise wieder angenommen wird. Trotzdem sollte – gerade bei älteren Menschen und Kindern – abgeklärt werden, ob nicht ein Tumor oder eine Verwindung des Darms die Ursache ist.

Eine chronische Verstopfung hingegen ist längerfristig beziehungsweise wiederkehrend und kommt vergleichsweise häufig vor. Laut medizinischer Definition spricht man davon, wenn eine Person über mehrere Monate hinweg länger als drei bis vier Tage lang keinen Stuhlgang hat. In der Praxis geht es aber vielmehr um das subjektive Empfinden des Patienten.

Bauchschmerzen, Blähungen, Hämorrhoiden

"Meiner Erfahrung nach ist eine Obstipation dann gegeben, wenn wiederkehrende Probleme mit dem Stuhlgang auftreten. Das kann auch schon nach wenigen Tagen sein", erklärt Wallner. Es komme darauf an, wie sich der Patient fühle und welche Konsistenz der Stuhl habe. Im Prinzip gehe es mehr um Prävention als um Symptombekämpfung, denn auch schon ein kurzes Abweichen des üblichen Stuhlgangs könne auf ein Problem hinweisen, betont der Allgemeinmediziner.

"Die Leitsymptome einer chronischen Verstopfung sind neben der geringen Frequenz des Stuhlgangs das subjektive Gefühl der Obstruktion und der unvollständigen Entleerung sowie harter Stuhl, der starkes Pressen erfordert und jede nur erdenkliche Form von Manövern, um sich zu entleeren", weiß Clemens Dejaco, Facharzt für Innere Medizin und stellvertretender Abteilungsleiter der Gastroenterologie der Med-Uni Wien.

Kommen Schmerzen hinzu, spricht man vom Obstipation-dominierten Reizdarmsyndrom. Die möglichen Symptome: ein harter oder schmerzender Bauch, Blähungen, Hämorrhoiden, ein geröteter oder eingerissener Analbereich – die Liste ist lang. "Durch eine verlängerte Verweildauer des Stuhls im Dickdarm kommt es dort zu einer Vermehrung von Faulbakterien. Die Folgen können von verstärkten und übelriechenden Blähungen bis hin zu Kopfschmerzen und Müdigkeit reichen", sagt Wallner.

Widersprüchliche Ansätze

Chronische Obstipation ist eine Zivilisationskrankheit der westlichen Welt. Als Hauptursache gilt eine fleisch- und getreidelastige Fehlernährung ohne ausreichend Ballaststoffe. "Hinzu kommen ein Mangel an Flüssigkeit und Bewegung", erklärt Dejaco. Auch ein stressiger Tagesablauf oder psychosomatische Ursachen, die den Körper verkrampfen, können eine Rolle spielen. Darüber hinaus gelten auch hormonelle Störungen, neurogene Ursachen oder Medikamente zu den Auslösern.

Neben der ausführlichen Anamnese ist die Koloskopie (Darmspiegelung) notwendig – auch deshalb, um eine potenziell bedrohliche Ursache ausschließen zu können. Keine diagnostisch anerkannte Technik sei hingegen die Mikrobiom-Diagnostik: Sie sei zwar in der Forschung sinnvoll, aber im Umgang mit Patienten derzeit nicht relevant, da zu wenig ausgereift, so Dejaco. Allgemeinmediziner Wallner hingegen setzt auf die Stuhldiagnostik: "Ich schaue mir dabei die Darmflora, den pH-Wert, Entzündungsmarker und eine mögliche Candidapilzbesiedelung genau an."

Der erste Schritt, um einer chronische Verstopfung Herr zu werden, ist in jedem Fall die Änderung des Lebensstils. Das heißt: auf eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Gemüse umsteigen, ausreichend viel trinken und auf genügend Bewegung achten. Das bewirkt, dass der Stuhl weicher wird und die Darmtätigkeit wieder in Gang kommt. Künstliche Ballaststoffe wie Weizenkleie oder Flohsamen können ohne Weiteres zugeführt werden. Die Einnahme von Probiotika oder Inulin (Zichorienwurzel) könne die Darmtätigkeit ebenfalls anregen, so Wallner.

Nicht unterdrücken

Eine weitere wichtige und nicht zu vernachlässigende Maßnahme: sich genügend Zeit für die täglichen WC-Sitzung nehmen. "Wenn man den Stuhldrang immer wieder unterdrückt, wirkt sich das sehr negativ auf das Verdauungssystem aus", erklärt Dejaco. Viele Patienten würden das aber tun, etwa wenn es zeitlich gerade nicht passe oder der Ekel vor fremden Toiletten zu groß sei. Schon durch mehrmaliges Unterdrücken könne man die Verdauung aber gehörig durcheinanderbringen.

Schlägt die Lebensstilmodifikation nicht an, kann eine medikamentöse Therapie zu einem normalen Stuhlgang verhelfen. Je nachdem, ob es sich um eine Darmträgheit oder eine Entleerungsstörung handelt, wird unterschiedlich verfahren.

Bei einer Darmträgheit ist die Transitzeit des Stuhls im Darm verlängert. In diesem Fall kommen häufig Abführmittel wie osmotische Laxantien zum Einsatz, die besser verträglich sind als etwa die früher verwendeten Bittersalze. Sie beinhalten Stoffe, die die Flüssigkeit im Darm zurückhalten und damit den Stuhlgang erleichtern. "Die Einnahme sollte allerdings nicht gesteigert werden, wenn Blähungen auftreten", empfiehlt Dejaco. Zusätzlich fördere die Zufuhr von Magnesium einen weichen Stuhl.

Darmzentrierte Hypnose

Für Allgemeinmediziner Wallner sind Abführmittel nicht die erste Wahl: "Sie wirken rein symptomatisch, binden stark Wasser, wodurch der Stuhlgang flüssiger ist und leichter abgesetzt werden kann. Sie sind nicht gerade gesund und lösen das ursächliche Problem nicht auf Dauer." Seiner Meinung nach sollten Abführmittel nur im Akutfall eingenommen werden – etwa wenn andere schonende und nachhaltige Methoden nicht ausreichen. Was er ausdrücklich betont: "Sie eignen sich nicht als Dauertherapie."

Liegt eine Entleerungsstörung vor, kann der Darm gar nicht entleert werden. In solchen Fällen sollten üblicherweise Zäpfchen helfen. "Diese bewirken, dass der Stuhlgang aufgeweicht wird und dadurch nicht mehr verklumpt oder steinhart ist", erklärt Dejaco. Der Großteil der Patienten spreche auf eine der genannten Behandlungsformen an. Für jene Fälle, bei denen die Darmtätigkeit auf diese Weise nicht normalisiert werden könne, gebe es noch weitere Spezialmedikamente, die zur Darmkontraktion und somit zur Stuhlentleerung führen.

Bei psychosomatischen Ursachen von chronischer Verstopfung können auch psychosomatische beziehungsweise psychotherapeutische Therapieansätze zur Entspannung führen. Dazu zählt Dejaco zufolge etwa die darmzentrierte Hypnose oder das Biofeedback. Einer chronischen Verstopfung operativ zu Leibe zu rücken sei heute nicht mehr Stand der Dinge: "Die Chirurgie hat – bis auf sehr seltene individuelle Fälle – hier keinerlei Stellenwert." (Maria Kapeller, 28.12.2017)