"Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen"

Rezension |
23. Dezember 2017, 08:00

Am Heiligen Abend ist das Streitpotenzial zwischen den Generationen groß. Warum eigentlich? Ein Büchlein von Michael Bordt hilft beim Verstehen des Grundproblems

Es ist gar nicht so leicht, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Aber zu Weihnachten muss man. Da mischt sich das Eltern- und Kindsein auf einzigartige Weise. Oft kommt für diesen einen Abend im Jahr die ganze Familien zusammen. Schön muss es sein und harmonisch, so jedenfalls ist es vorgesehen – und genau deshalb gibt es dann auch Konflikte am Heiligen Abend. Da stimmen plötzlich die Vorstellungen mit der Wirklichkeit nicht überein, Generationen und ihre Wertvorstellungen prallen aufeinander. Das macht nervös, oft reicht ein scheinbar unbedeutender Anlass für emotionale Ausbrüche.

Wer den Streit unterm Weihnachtsbaum vermeiden will, dem sei die Lektüre eines kleinen Büchleins ans Herz gelegt. Michael Bordt hat in "Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen" alles familiäre Konfliktpotenzial auf nur 94 Seiten zusammengefasst. Er dekliniert ein Verhältnis, das jeder in seinem Leben hat: die Eltern-Kind-Beziehung. Die Kinder nerven, die Eltern sind mühsam. Liebe ist trotzdem im Spiel. Jeder will sich zusammenreißen, schafft es dann aber nicht. Gegenseitige Provokation, Enttäuschungen: All das ist normal und kommt in fast jeder Familie vor – Muster halten sich auch über den Tod hinaus.

Explodieren vor Wut

Lebensstil, Erziehungsgrundsätze, Geld, politische Einstellungen, Werte, Erwartungen, Karriere: Das alles ist Streitpotenzial. Doch, so Bordt, die meisten Themen haben einen gemeinsamen Nährboden. Kinder wollen es Eltern recht machen, Eltern entlassen ihre Kinder nicht ins Erwachsensein: Es geht um die Eltern-Kind-Problematik, die Bordt philosophisch betrachtet. Das kann er, weil er sich im Rahmen des Instituts für Philosophie und Leadership in München eingehend mit Menschen aus Familienunternehmen beschäftigt hat.

Er abstrahiert seine Thesen aus diesem Erfahrungsschatz. "Nur wer mit seinen Eltern Frieden gefunden hat, kann ein innerlich freier Mensch werden. Denn solange ich mich den Wünschen und Erwartungen meiner Eltern anpasse oder gegen sie rebelliere, beziehe ich alle Entscheidungen auf meine Eltern. Meine eigene Stimme habe ich noch nicht gefunden," schreibt er.

Es ist eine Aufforderung, sich mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen, sich selbst und sein Provokationspotenzial kennenzulernen und entsprechend reagieren zu können. Wollte man das alles auf Weihnachten ummünzen: Familien kennen die Fettnäpfchen. Gut ist, wer es schafft, die klassischen Konflikte vorherzusehen – und sie abwiegeln, vermeiden oder entschärfen zu können.

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Wer denkt, dass das nur mit einer großen Portion Gleichgültigkeit zu schaffen ist, irrt. Bordt setzt seinem Lesepublikum den Begriff der "robusten Verletzbarkeit" auseinander und schlägt den "Kampf mit versöhntem Herzen" vor. Damit ist allerdings keinesfalls eitel Wonne gemeint, auch ein Abbruch der Eltern-Kind-Beziehung kann zu einer Option werden, ist Bordt überzeugt. Wenn sie aus einer inneren Selbstbestimmtheit getroffen wird, sieht er darin einen gangbaren Weg.

Bordt, selbst Jesuit, hat sich aufs Allgemeinmenschliche verlegt, manchmal muten seine Gedanken fast buddhistisch an. Zurück zu Weihnachten: Wer Frieden will, sollte über sich selbst nachdenken, sollte aufmerksam sein, wenn Ärger und Wut aufsteigen, sich fragen: Warum ist das so? Dieser Ansatz könnte sogar einen längeren Prozess auslösen, einen, der nach dem 24. Dezember weitergeht. (Karin Pollack, 23.12.2017)