Entzündungsmechanismen fördern Alzheimer

21. Dezember 2017, 05:00

Forscher konnten nachweisen, dass Entzündungsmechanismen grundlegende Prozesse der Alzheimer-Erkrankung vorantreiben. Auslöser ist das Immunsystem des Gehirns

Bonn – Eine wirksame Therapie gegen Alzheimer gibt es bislang nicht. Typisch für die Erkrankung sind winzige Eiweißstoffe – Amyloid-Beta-Peptide, kurz "Aß" genannt –, die sich im Gehirn ablagern und im Verdacht stehen, Nervenzellen zu schädigen. Zudem konnten Forscher zeigen, dass Ablagerungen von "Aß" entzündliche Prozesse in Gang setzen.

"Die Ablagerung und Ausbreitung von Amyloid-Beta-Peptide beginnt wahrscheinlich Jahrzehnte bevor erste klinische Symptome auftreten, beispielsweise durch Störungen des Kurzeitgedächtnisses", sagt Michael Heneka von der Klinik für Neurodegenerative Erkrankungen und Gerontopsychiatrie des Universitätsklinikums Bonn.

Heneka und sein Forschungsteam befassen sich schon länger mit der Frage, wie die Immunreaktion des Gehirns die Entwicklung der Alzheimer-Erkrankung beeinflusst. In früheren Studien konnten sie herausfinden, dass ein molekularer Sensor des angeborenen Immunsystems – ein Proteinkomplex mit der Bezeichnung NLRP3 – eine Schlüsselrolle spielt. Es zeigte sich, dass im Gehirn von Alzheimer-Patienten NLRP3 aktiviert ist.

Entzündung fördert Krankheitsverlauf

Was die Forscher bislang herausgefunden haben: NLRP3 verändert bei Aktvierung seine Struktur und veranlasst das Immunsystem entzündungsfördernde Subtanzen herzustellen. Darüber hinaus verbindet sich NLRP3 bei Aktivierung mit dem Eiweißmolekül ASC. Zellen können derlei Aggregate – sie werden "ASC Specks" genannt – ausschütten. "Die Freisetzung von ASC Specks aus aktivierten Zellen konnte man bisher nur bei Fresszellen, den sogenannten Makrophagen, nachweisen. Doch ihre Bedeutung für den Krankheitsprozess war bisher rätselhaft", sagt Eicke Latz, Leiter des Instituts für Angeborene Immunität der Universität Bonn.

Die aktuellen Untersuchungen zeigen nun, dass ASC Specks auch von aktivierten Immunzellen des Gehirns – den "Mikroglia" – freigesetzt werden. "Wir fanden zudem heraus, dass ASC Specks im extrazellulären Raum an Aß binden und die Ablagerung von Aß fördern. Das trägt direkt zum Fortschreiten der Pathologie und damit zur Krankheitsentwicklung bei", sagt Heneka.

Diese Schlussfolgerung legen zumindest eine Reihe von Experimenten mit Mausmodellen nahe: Die Forscher untersuchten dabei die Wirkung der ASC Specks sowie die ihres Bestandteils, des Proteins ASC auf die Ausbreitung von Amyloid-Beta-Ablagerungen im Gehirn. "In unserer Studie konnten wir zusätzlich durch Analysen von menschlichem Hirngewebe zeigen, dass Entzündungsreaktionen und Aß-Pathologie beim Menschen in ähnlicher Weise ineinandergreifen können. Zusammenfassend legen unsere Ergebnisse nahe, dass Entzündungen des Gehirns nicht nur eine Begleiterscheinung der Alzheimer-Krankheit sind. Sie tragen vielmehr dazu bei, dass die Erkrankung voranschreitet", resümiert Heneka. (red, 21.12.2017)