Foto: Reinhard Maximilian Werner

"Vor Sonnenaufgang": Gemütsgewitter im Alkoholikerhaushalt

21. Dezember 2017, 17:06

Wo verläuft der Riss durch unsere Gesellschaft? In Ewald Palmetshofers Drama (nach Gerhart Hauptmann) versucht sich eine beschädigte Familie samt Gästen zusammenzuraufen. Ein zaghafter Abend im Akademietheater

Wien – Wie sind wir geworden, was wir heute sind? Warum sind wir links, warum eher rechts? Diese Fragen lässt Ewald Palmetshofer im Hintergrund des auf Gerhart Hauptmann fußendem Familiendramas Vor Sonnenaufgang stets geräuschvoll mitlaufen. Es entstand im Auftrag des Theaters Basel und hatte dort im November Uraufführung. Das Burgtheater, das Palmetshofer ebenfalls an sich bindet (räuber.schuldengenital, die unverheiratete), zieht nun mit einer Neuinszenierung von Dusan David Parízek nach: ein sich mit Kleinigkeiten zufriedengebender Abend, der dennoch eine Sogwirkung erzeugt.

Palmetshofers Stück handelt von einer mittelalten Generation, die sich politisch sortiert hat, sesshaft ist und erfolgreich unglücklich geworden ist. Durch sie geht eine Kluft, wie sie unserer Gesellschaft heute diagnostiziert wird. Eines Tages steht Alfred Loth (Michael Maertens), Journalist eines linken Magazins, bei seinem ehemaligen Studienkollegen Thomas Hoffmann (Markus Meyer) und dessen angeheirateter Familie auf der Matte. Was will er? Er will herausfinden, warum Thomas ein neoliberaler Wirtschaftstreibender geworden ist und sich – eventuell korrupt – politisch betätigt. "Warum driften wir auseinander", wird er mehrmals an diesem zweieinviertelstündigen Abend fragen und sich dabei selbst den Anschein eines kritischen Sozialisten geben.

Palmetshofers metrische Kunst, deren Rhythmik sich auf der Bühne nicht immer wiederfindet, bleibt entspannt, weniger poetisch befrachtet als vorangegangene Dramen. In der Neuaufsetzung der Figuren verfährt er – nicht wie sein todesmutiger Kollege Simon Stone – recht zurückhaltend. Palmetshofer behält die alten Geschlechterstereotype bei, wenn auch implizit kritisch: Während sich die Frauen für Kinderkriegen (Martha), Kochen (Anni) und Liebeskummer (Helene) eignen, liegt es an den Männern, zu philosophieren und zu politisieren. Thomas (Meyer) und Alfred (Maertens) reden sich mehrmals in Rage, und auch Dr. Schimmelpfennig (Fabian Krüger) gönnt sich einen Monolog über Menschlichkeit und Tod.

Theater der analogen Dinge

Vor Sonnenaufgang ist kein starker Abend, vielmehr ein in seinen Nuancen reizvolles Konversationsdrama. Mit seinem bewährten Theater der kleinen analogen Dinge zeigt Regisseur Dusan David Parízek eine Familienhölle, die erst durch ihre Eindringlinge Konturen bekommt. Loth bringt etwa zum Besuch vorsorglich die Haustürglocke selbst mit und drückt dann spaßig lange drauf. Wenn schon, denn schon! Overheadprojektoren, eine Trademark Parízeks, spenden mehr oder weniger Licht. Ein Eck des Wohnzimmer-Holzquaders (Bühne: Kamila Polívková) ragt in die Parkettreihen des Akademietheaters hinein, sodass die Familie in große Nähe rückt und dies Konzentration gebietet.

Der Alkohol hat die Familie zerrüttet. Papa (Michael Abendroth) zieht das Wirtshaus dem Eheleben mit Anni vor; dieser jungen Gattin verleiht Dörte Lyssewski die Schlagkraft einer jener Ehelöwinnen aus Cassavetes- oder Bergman-Filmen. Einmal zieht sie das riesige Paket (drinnen der Kinderwagen; sie sollen bald Großeltern werden) als eheliche Waffe in Betracht. Die hochschwangere Martha (Stefanie Dvorak) hat die Trunksucht ihrer leiblichen Mutter "geerbt". Und Helene (Marie-Luise Stockinger) ist der Sippe zwar entflohen, weilt aber beschämt im Familiendomizil, weil die urbane Kreativszene gerade kein Geld mehr für sie hat.

Viel Gegenwärtiges strömt aus diesem Abend, der in seinen formalen Kleinmanövern aber Ratlosigkeit ausstrahlt. Der kleine Ding-Parcours, den Parízek für diesen tragischen Familienshowdown angeordnet hat, wirkt aufgesetzt: z. B. ein Klavier, auf dem jeder zum Ausdruck der Depression klimpern kann; ein raschelndes Bett aus Packpapier; Perücken fürs Älterwerden, ein Klosett oder ein verwaister Schminktisch. Der feurige Applaus galt eher dem zugkräftigen Ensemble. (Margarete Affenzeller, 21.12.2017)