Foto: APA/AFP/ITALIAN CARABINIERI PRES
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Medial unterbelichtet: Mafia- versus Terrorismusberichterstattung

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29. Dezember 2017, 14:45

Es gibt ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Aufmerksamkeit, die islamistischer Terror in den Medien erhält, und dem Interesse an Aktivitäten der Mafia

In Deutschland leben heute viermal so viele Menschen, die der Polizei bekannt sind und einem der vier größten italienischen Mafia-Clans angehören, wie noch vor knapp zehn Jahren. Das meldete vor nicht allzu langer Zeit die Neue Zürcher Zeitung. Insgesamt sind es wohl mehrere Hundert. Über die Dunkelziffer wissen wir nichts, und ebenso wenig Präzises über den Mafiosi-Zuwachs in Österreich oder der Schweiz.

Die verstorbene italienische Sozialforscherin Rosaria Conte machte bereits darauf aufmerksam: Es gibt, von spektakulären Fällen wie den Morden in Duisburg einmal abgesehen, ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Aufmerksamkeit, die islamistischer Terror in den Medien erhält, und dem Mantel des Schweigens, der über die Aktivitäten der Mafia ausgebreitet ist – nicht nur in Italien, sondern europaweit. Dabei übersteigen, so Conte, die Toten und auch die wirtschaftlichen Schäden, welche auf das Konto mafiöser organisierter Kriminalität gehen, jene, die bisher mit Terroranschlägen angerichtet wurden, um ein Vielfaches.

Mafia auf globaler Ebene

In Italien ist die Mafia derzeit das größte "Unternehmen" des Landes, gemessen am Umsatz. Das Istituto Eurispes schätzt ihn auf jährlich 120 bis 180 Milliarden Euro – das sind rund sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Doch die Mafia ist kein alleiniges italienisches oder russisches Problem. Daran lassen Contes Forschungsarbeiten keinen Zweifel, und das bestätigen andere Experten immer wieder, z. B. die in Venedig lebende deutsche Journalistin Petra Reski oder der Gründer der deutschen Rechercheplattform Correctiv, David Schraven. Die Mafia ist längst, um noch einmal Conte zu zitieren, eine "schwere gesellschaftliche Pathologie" auf europäischer, ja globaler Ebene geworden.

In Deutschland – da ist sich Reski aufgrund eigener schmerzlicher Erfahrungen inzwischen sicher – würden inzwischen Staatsanwälte bei ihren Ermittlungen von der Mafia in Schach gehalten. Sie selbst fühle sich zunehmend bedroht und im Stich gelassen – von der Justiz, aber auch von Kollegen und vom Verleger des "Freitag", Jakob Augstein. Dass dessen Verlag noch nicht einmal die Prozesskosten Reskis im Rechtsstreit mit einem in Leipzig ansässigen Mafioso übernahm, war fraglos ein verheerendes Signal, das auch andere freie Journalisten einschüchtern dürfte. Der "FAZ"-Redakteur Andreas Rossmann warf eher rhetorisch die Frage auf, ob die "Mafia als Gewinner" aus Reskis juristischer Auseinandersetzung hervorgegangen sei.

Grauzone der Mafia

Vor dem Hintergrund ähnlicher Erfahrungen und Einschüchterungsversuche mutierte Reski mehr und mehr zur Romanschriftstellerin. In ihrem jüngsten Krimi "Bei aller Liebe" zeichnet sie zugleich ein facettenreiches Bild von Sizilien und Deutschland. Sie zeigt auch, wie die Flüchtlingskatastrophe hinter der Kulisse der "Willkommenskultur" zum großen Geschäft wurde.

"Psychologisch interessanter und facettenreicher" als die Mafiosi selbst findet Reski allerdings "die "Grauzone der Mafia: Unternehmer, Politiker, Ehefrauen, Rechtsanwälte, Notare, Bischöfe, Bürgermeister, Polizisten und Journalisten – all jene, die nur so tun, als stünden sie auf der Seite der Guten und in den entscheidenden Momenten wegguckten. "Denn ohne die Feigheit vieler und die verschlossenen Münder, ohne ihre Sympathisanten wäre die Mafia schon längst besiegt."

Den 25. Jahrestag der Ermordung des italienischen Mafia-Jägers Giovanni Falcone nahm die Journalistin dann kürzlich nochmals zum Anlass, journalistisch nachzuhaken. Die heutige "marktwirtschaftliche" Mafia sei "zum internationalen Anbieter illegaler Güter (Drogen, Waffen, billige Arbeitskräfte) und Dienstleistungen (Investitionskapital, illegale Giftmüllbeseitigung) aufgestiegen" und werde "in Deutschland als Bestandteil des Marktes geschätzt". Dass "niemand nachfragt, woher das Geld kommt, dafür sorgt die Beweislastumkehr": Die Polizei müsse nachweisen, "dass das Geld aus schmutzigen Quellen stammt", könne, so Reski, aber "nicht einfach auf Verdacht ermitteln", weil anlassunabhängige Finanzermittlungen nicht erlaubt seien. Nicht nur italienische, auch deutsche Strafverfolger wundern sich über solche für das organisierte Verbrechen paradiesischen Zustände.

Medienaufmerksamkeit als Ziel

Beim Vergleich medialer Mafia- und Terrorberichterstattung kommt hinzu, dass Terroristen und Amokläufer ihre Gräueltaten vor allem begehen, um Medienaufmerksamkeit zu erzielen, während die Mafia es meist vorzieht, im Verborgenen zu arbeiten. Für Journalisten ist es also meist weitaus riskanter und schwieriger, über mafiöse Aktivitäten zu recherchieren, als Attentätern den von ihnen ersehnten Kick zu gewähren, für ein paar Minuten oder Tage weltberühmt zu werden.

In der "Aufmerksamkeitsökonomie", die bereits vor Jahren der Wiener Sozialforscher Georg Franck klug analysiert hat, ist Terrorberichterstattung für die Medien also weitaus einträglicher als Recherchen zur Mafia. Letztere ist aufwändig und gefährlich, und selbst wenn sie zu einem "Scoop" führt, schreiben andere Redaktionen die Story innerhalb von Minuten einfach ab. Die Eckdaten von Terrorakten werden dagegen von Pressestellen den Redaktionen frei Haus geliefert.

In jedem Land, in jeder Kultur gibt es außerdem Tabus der Berichterstattung. Man erkennt sie freilich meist nur "anderswo" als solche, während Journalisten und Wissenschafter bei sich selbst blinde Flecken kaum je wahrnehmen und sich für "tabulos" und "aufgeklärt" halten.

Neuere Forschungen, die der New Yorker Wissenschaftsautor Matthew Hutson zusammengetragen hat, zeigen obendrein, dass Vorurteile, relativ unabhängig von politischen und religiösen Orientierungen, sozusagen "lagerübergreifend" in etwa gleich verbreitet sind – also keineswegs nur in hinterwäldlerischen konservativen, "rechten" Milieus anzutreffen sind. Und Vorurteile, die sich in der Gesellschaft oder auch nur unter Journalisten verfestigt haben, lösen eben ihrerseits Berichterstattungstabus aus.

Als Kehrseite der vielen Medienhypes bleiben eben wichtige Berichterstattungsthemen unterbelichtet, oder sie werden falsch eingeschätzt – so sieht das zumindest im Rückblick aus. Wobei man dann allerdings auch leicht den Rückschaufehler begeht und leichtsinnig behauptet, man hätte alles von vornherein besser wissen können. (Stephan Russ-Mohl, 29.12.2017)

Stephan Russ-Mohl (geboren 1950) ist seit 2002 Professor für Journalistik und Medienmanagement sowie Leiter des European Journalism Observatory an der Università della Svizzera italiana in Lugano. Er hat mehrfach, zuletzt 2015, Forschungsaufenthalte an der Stanford University verbracht.

Von Stephan Russ-Mohl erschien im Herbst "Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde" (Herbert-von-Halem Verlag). Darin vertieft er Erkenntnisse zu Propaganda und eruiert, inwieweit eine "Allianz für die Aufklärung" von Journalismus und Wissenschaft der Desinformation entgegenwirken könnte.

Hinweis: Die obige Kolumne ist diesmal ein aktualisierter Textauszug aus dieser Neuerscheinung.