Jakob Pallinger

Elektroschrott: Gold und Silber landen auf dem Müll

30. Dezember 2017, 12:00

Mehr als zwanzig Kilo Elektroschrott wirft jeder Österreicher pro Jahr in den Müll. Zwei Firmen versuchen, etwas daraus zu machen

Amstetten – Wie eine Hand gräbt sich die Greifzange in den aufgeschütteten Berg. In ihren Eisenfingern zerdrückt sie Bildschirme, Computergehäuse und Mikrowellen, fährt wenig später wieder in die Luft und lässt die Geräte wie Spielzeug auf das Fließband rieseln. "Elektrorecycling braucht ein besonders Fingerspitzengefühl", sagt Chris Slijkhuis, der neben dem Schrotthaufen steht. Man nimmt ihm das nur kaum ab. Über den Asphaltplatz rollen schwerbeladene Laster, im Inneren der Halle zermalmen Walzen ganze Autos – ein Schauspiel brachialer Gewalt. Beim Recycling wisse man nie, was man kriegt, meint Slijkhuis. Jedes Gerät habe seine eigene Beschaffenheit und seine eigene Geschichte.

Abgenutzte Autoreifen, eingedellte Blechtüren oder verbrauchte Kondensatoren – sie alle landen früher oder später auf Slijkhuis' Haufen bei der Verschrottungsanlage. Diese gehört zur Firma Müller-Guttenbrunn, die sich in Amstetten in Niederösterreich befindet und dort Autos und Elektrogeräte zerlegt. 48.000 Altautos werden hier jedes Jahr abgeladen, bis zu 50.000 Tonnen kaputte und alte Elektrogeräte. Wenn es nach Slijkhuis geht, könnten es noch einige mehr sein.

Auf der Anlage in Amstetten landen die alten Autos, nachdem sie bei einer Rücknahmestelle abgegeben wurden.
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Altautos werden ins Ausland verkauft

Denn jedes Jahr werden in Österreich 250.000 Autos aus dem Verkehr gezogen, auf einem heimischen Schrottplatz landen aber nur knapp ein Viertel. Der Rest werde nach Osteuropa oder Afrika exportiert, erklärt Slijkhuis. Und das, obwohl dies illegal sei. Denn bei in die Jahre gekommenen Autos gebe es die Unterscheidung zwischen Gebrauchtwagen und Altautos. Der Unterschied: Bei Gebrauchtwagen zahlt sich eine Reparatur noch aus, bei Altautos nicht mehr. Während Erstere exportiert werden dürfen, müssen Altautos in Österreich entsorgt werden. Viele erhoffen sich aber, mit ihrem Altauto noch Geld rauszuschlagen, anstatt es beim Shredder abzugeben. Im Ausland werden diese dann teilweise händisch zerlegt, giftige Flüssigkeiten versickern im Erdreich.

Zudem entgehen Österreich so jedes Jahr wertvolle Rohstoffe: 70 Prozent an verwertbaren Metallen stecke in jedem Auto, so Slijkhuis, von Eisen über Aluminium, Kupfer und Messing. Kommt ein Auto auf dem Schrottplatz an, werden zuerst die Öle und Flüssigkeiten abgesaugt und die Sitzpolster und Garnituren entfernt, dann zerschlagen die beinlangen Hämmer der Shreddermaschine das Gehäuse in kleine Teile, die anschließend mit Magneten getrennt werden.

Chris Slijkhuis auf einem Haufen an zerkleinerten Elektrogeräten in seiner Verschrottungsanlage in Amstetten.
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Trennung mit Luft, Wasser oder Farbe

Bei den Elektrogeräten ist der Ablauf ähnlich. Händisch werden die Batterien, Kondensatoren und Leiterplatten aus den Geräten genommen, dann das restliche Gehäuse im sogenannten "Smasher" in kleine Teile geschlagen. Slijkhuis zeigt auf einen Haufen dünner Plättchen, auf die alle paar Sekunden ein weiteres Plättchen fällt: Leiterplatten. Fast jedes elektronische Gerät besitzt eine oder mehrere davon. Für die Aufbereitung seien sie unglaublich wertvoll, enthalten sie doch Kupfer, Silber, Palladium und sogar in kleinen Mengen Gold.

Leiterplatten sind für ihre Herstellung auf wertvolle Rohstoffe angewiesen.
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Die Schwierigkeit sei, die einzelnen Elektroschrottteile so zu trennen, dass am Ende die verwertbaren Rohstoffe herauskommen, so Slijkhuis. Durch zwei Stationen müssen die Teile geschickt werden, wo sie mithilfe von Luftstrahlen, in Wasserbecken anhand ihrer Dichte, oder aufgrund ihrer Farbe voneinander getrennt werden. Am Ende spuckt das Fließband wieder kleine Metall- und Kunststoffteile auf Haufen vor der Halle aus. Die Kunststoffe verwertet Müller-Guttenbrunn selbst in einer zweiten Anlage in Kematen an der Ybbs.

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Elektroschrott wächst

Etwa 38 andere Behandlungsanlagen für Elektrogeräte gibt es neben Müller-Guttenbrunn in Österreich. Sie alle profitieren davon, dass der Besitz und gleichzeitige Abfall von Elektrogeräten eher im Steigen denn im Fallen ist: Durchschnittlich besitzt jeder österreichische Haushalt sieben große Elektrogeräte wie Geschirrspüler, Waschmaschine, Mikrowelle, Kühlschrank, PC und Fernseher. Hinzukommen kleinere Geräte wie Handys, Tablets oder Laptops. 22,1 Kilogramm Elektromüll sammeln sich so pro Kopf in einem Jahr an.

Den Großteil des Schrotts machen die großen Elektrogeräte wie Kühlschränke und Waschmaschinen aus, sie sind für 60 Prozent der Gesamtmenge verantwortlich, wie es in einem Bericht der Vereinten Nationen heißt. Weltweit seien im vergangenen Jahr 44,7 Millionen Tonnen Elektroschrott angefallen, bis 2021 werden es 52,2 Millionen Tonnen sein. Davon würden nur 20 Prozent wiederverwertet. Der Wert des Mülls summierte sich durch das enthaltene Gold, Silber, Kupfer, Platin und Palladium auf 46,47 Milliarden Euro. Gleichzeitig fanden sich auch viele gefährliche Elemente wie Kadmium, Quecksilber und Chrom.

Den Großteil des Schrotts machen große Haushaltsgeräte aus.
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Illegaler Export von alten Elektrogeräten

Obwohl Österreich mit einer Sammelquote von mehr als 50 Prozent bei Elektrogeräten, die in den vergangenen drei Jahren im Umlauf sind, über der geforderten EU-Richtlinie liegt, gebe es auch hierzulande Probleme. Denn immer noch werden neben Autos auch Elektroaltgeräte illegal aus Österreich exportiert, wie es von der Elektroaltgeräte-Koordinierungsstelle Austria heißt. 15.000 Tonnen sollen es pro Jahr sein. Das Umweltministerium warnt deswegen davor, Altgeräte nicht sogenannten "Sammelbrigaden" zu überlassen, da die Geräte auf diese Weise ins Ausland gelangen und dort am Ende meist irgendwo im Straßengraben landen würden. Stattdessen sollten die Geräte direkt beim Händler, oder bei einer Sammelstelle abgegeben werden.

Wie oft selbst lizenzierte Recyclinganlagen an diesem illegalen Exporthandel mitmischen, zeigte eine Studie der Nichtregierungsorganisation Basel Action Network aus dem Jahr 2016: Sie statteten 205 Elektroaltgeräte in den USA mit GPS-Signalen aus. Von diesen Geräten wanderten 34 Prozent ins Ausland, der Großteil davon nach Asien und dort nach Hongkong, wo die Geräte mit der Hand aufgebrochen und nichtverwertbare Teile auf Feldern abgelagert würden.

Kupferkabel: Als Teil von alten Elektrogeräten wandern auch sie immer wieder illegal ins Ausland.
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Gefährliche Kühlschränke

In Österreich verweist man indes auf die dutzenden Regulierungen und Auflagen, an die Recyclingbetriebe gebunden sind. "Recycling ist ein sehr aufwendiger Prozess", sagt Gerhard Ungerböck, Chef der Firma UFH Recycling in Kematen an der Ybbs. Ungerböck geht über den asphaltierten Platz seines Firmengeländes, auf dem sich zu beiden Seiten aufgebrochene Kühlschränke und Cola-Automaten stapeln. Mit seiner Firma ist er auf die Wiederverwertung von Kühlgeräten spezialisiert, bis zu 1.000 nimmt er jeden Tag auseinander.

Gefährlich kann es beim Entsorgen von Kühlschränken deshalb werden, weil diese schädliche Substanzen enthalten können, erklärt Ungerböck. Etwa das Kühlmittel Fluorchlorkohlenwasserstoff, das die Ozonschicht zerstört. Kühlschränke mit diesem Mittel wurden in den 1990er-Jahren verboten, die letzten Geräte landen immer noch auf Ungerböcks Anlage.

Gerhard Ungerböck zerlegt in Kematen an der Ybbs alte Kühlschränke.
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"Geräte gehen noch schneller kaputt"

Kommt ein ausrangierter Kühlschrank bei ihm an, werden zuerst Kabel und Glasplatten entfernt, dann die Kältemittel abgesaugt und schließlich das Gehäuse im Shredder zerlegt. Ungerböck zeigt auf drei Ketten, durch deren abgeschürfte Glieder ein Kopf passen würde. Diese schlagen die Schränke kurz und klein, alle ein bis zwei Tage müssen sie gewechselt werden, um nicht auseinanderzubrechen. Die kleinen Kühlschrankteile werden getrennt, am Ende rieseln Eisen, Aluminium, Kupfer und Plastikteile in die Container im Inneren der Anlage.

Die Elektroberge auf seinem Firmengelände werden in Zukunft eher wachsen als schrumpfen, meint Ungerböck. "Viele Geräte gehen heute schneller kaputt als noch vor zwanzig Jahren." Was das für ihn bedeutet: mehr Rohstoffe und mehr zerbrochene Ketten. (Jakob Pallinger, 30.12.2017)