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Das Auge fliegt beim Skispringen mit

30. Dezember 2017, 10:44

Neue Analyse- und Bildtechniken machen das schwer fassbare Skispringen für Konsumenten zugänglicher. Die Verantwortlichen im Weltverband Fis haben eine deutsche Entwicklung sozialisiert – im Interesse der Chancengleichheit, vor allem aber der Vermarktbarkeit

Kleine Ursachen, große Wirkung – im Skispringen trifft diese mögliche Folgerung der Chaostheorie so oft zu, wie in kaum einer anderen Sportart. Und niemand im Zirkus ist wiederum öfter mit ihr konfrontiert als Sepp Gratzer, der Materialkontrolleur des internationalen Skiverbandes (Fis).

Als solcher hatte der Österreicher in der noch jungen Saison, die mit dem Auftakt der Vierschanzentournee am Samstag in Oberstdorf einem ersten Höhepunkt zustrebt, schon ungewöhnlich oft die härtestmögliche Sanktion für kleine Unregelmäßigkeiten zu verhängen – die Disqualifikation. "Bei den Anzugvergehen liegen wir über dem Schnitt", sagt Gratzer. Versuchte Manipulation am und mit dem Material oder einfach nur Schlamperei – Gratzer will da nicht groß spekulieren. Dass in einer Olympiasaison einfach mehr ausprobiert wird, glaubt er allerdings nicht.

Revolutionen

Tatsache ist aber, dass die letzte große Materialneuerung, die einer Nation oder auch nur einem Springer plötzlich eine dramatische Überlegenheit verlieh, schon länger zurückliegt – zum Beispiel die Bindungsrevolution, die dem Schweizer Simon Ammann bei den Olympischen Spielen 2010 zu Vancouver zweimal Gold und den favorisierten Österreichern ziemlichen Katzenjammer bescherte.

Knapp acht Jahre später sind vergleichsweise Kleinigkeiten große Themen – etwa die in Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig entwickelte Technik, die die deutsche Mannschaft zur Sprunganalyse einsetzt. Mittels eines etwas mehr als 30 Gramm schweren, hinter die Bindung auf den Ski geschraubten Chips werden Daten wie Geschwindigkeit, Flughöhe, V-Winkel der Skier oder Aufkantwinkel erfasst. Ob die deutsche Überlegenheit zu Saisonbeginn zum größten Teil auf diese Neuerung zurückzuführen ist, ist umstritten.

Jedenfalls hat die Fis in Person von Renndirektor Walter Hofer die neue Technologie quasi sozialisiert, also mithilfe des offiziellen Daten- und Zeitanbieters Swiss Timing auch den anderen Nationen zugänglich gemacht. Hofer will bei diesem Schritt in erster Linie an die kleineren, finanziell nicht so potenten Nationen gedacht haben, aber auch Norwegen, Polen und Österreicher greifen dankend zu.

Gewöhnen ans Material

"Die Daten sind für das Skispringen eine enorme Bereicherung", sagte Österreichs Chefcoach Heinz Kutin, der seine Springer mittels Attrappen sich schon in der Vorwoche beim Training in Garmisch-Partenkirchen an die geringfügige Materialveränderung gewöhnen ließ. Einen positiven Effekt der kommenden Datenflut schon im Verlauf der aktuellen Vierschanzentournee bezweifelt der Kärntner.

Unzweifelhaft sind die Vorteile, die dem Skisprung-Konsumenten aus der neuen Technologie erwachsen könnten. Mehr oder weniger gelungene Erklärungsversuche, warum jener Sprung gelungen, dieser dagegen misslungen sei, sollten sich bald erledigt haben. Zumal parallel mit Spezialkameras am Schanzentisch gearbeitet wird.

Schon in Oberstdorf liefern acht Stück dieser Geräte mehrere tausend Bilder von jedem Absprung. Das Videomaterial wird zur Erstellung eines Computermodells genutzt. "Die Schwerpunktlage eines Athleten kann so genau nachzeichnet werden", sagte Renndirektor Hofer dem Fachportal skispringen.com.

Spätestens bei den Skispringen der Olympischen Spiele von Pyeongchang im Februar soll die Bildtechnik zum Wohle des TV-Zusehers mit der den Teams zur Verfügung gestellten Chip-Technik kombiniert werden. Materialkontrolleur Sepp Gratzer bereitet zumindest diese Tüftelei keine neuen Sorgen. (Sigi Lützow, 30.12.2017)