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Zeltfestunglück: Mühsames Aufrichten nach dem Sturm

30. Dezember 2017, 09:09

Wenige Sekunden haben gereicht, um St. Johann am Walde zu verändern. Vier Monate später wird noch auf ein Gutachten gewartet

Linz – Der Friedhof hinter der Ortskirche ist tief verschneit. Vereinzelt trotzen Grablichter auf kleiner Flamme dem eisigen Wind. Auf dem Grab von Christoph A. steht eine Engelsstatue. Die Flügel umfassen die Inschrift "Wir vermissen dich". Eine schlichte Parte am Holzkreuz weist die Lebensdaten aus. Nur 28 Jahre alt wurde der begeisterte Jäger. Sein junges Leben endete am 18. August 2017 um exakt 22.30 Uhr.

Zwei Tote, 140 Verletzte

Es ist der Moment, in dem die Fröhlichkeit brutal hinweggefegt wird und über die rund 2000 Einwohner zählende Gemeinde St. Johann am Walde ein kaum vorstellbares Unglück hereinbricht. Eine Orkanböe zerstört in wenigen Sekunden das Zelt für das zum 39. Mal durchgeführte Fest der Feuerwehr Frauschereck. Christoph A. und eine 19-jährige Frau werden von den Trümmern erschlagen, 140 Personen werden verletzt.

Eine Orkanböe zerstört in wenigen Sekunden das Zelt für das zum 39. Mal durchgeführte Fest der Feuerwehr Frauschereck
foto: apa / manfred fesl

Mehr als vier Monate sind seit dem Unglück vergangen. Am Ort des Geschehens weist heute nichts mehr auf das sommerliche Drama hin. Eine dicke Schneeschicht bedeckt die Wiese am Waldrand in unmittelbarer Nähe des Feuerwehrhauses. Eine Gedenktafel brauche es hier "unbedingt" noch, ist Bürgermeister Gerhard Berger überzeugt. Aber es sei eben noch nicht Zeit für "konkrete Überlegungen" gewesen, sagt der gestandene Innviertler fast entschuldigend.

Unglück noch immer präsent

Vielleicht ist auch einfach der Zeitpunkt noch nicht gekommen, um das Erinnern vor die Trauer zu stellen. Zu präsent ist das Unglück in der kleinen Gemeinde. Man kennt die Betroffenen – trauert mit den Hinterbliebenen und leidet mit den Verletzten. "Natürlich verändert so ein Unglück die Dorfgemeinschaft. Aber ich glaube, wir sind in 'Saiga Hans' noch näher zusammengerückt."

Bürgermeister Berger hat mittlerweile in seinem Büro in dem untypisch modernen Gemeindezentrum Platz genommen. Erst vergangene Woche habe er mit Kollegen der Feuerwehr Frauschereck das Tiroler Rehazentrum Bad Häring besucht. Mehrere Festzeltopfer werden dort behandelt. "Einer von ihnen sitzt im Rollstuhl. Aber es gibt Hoffnung, er kann jetzt erstmals seine Finger wieder leicht bewegen", erzählt das Gemeindeoberhaupt.

Das Areal am Tag nach dem Unglück Mitte August.
foto: apa / daniel scharinger

Monetärer Zuammenhalt

Beinahe wöchentlich findet in "Saiga Hans" und Umgebung eine Benefizveranstaltung statt – rund 300.000 Euro wurden so bereits für die Opfer gesammelt. "Du kannst mit diesem Geld nichts rückgängig machen, aber zumindest ein wenig helfen."

Wenn der stämmige Mann im Trachtenjanker von dem Unglücksabend erzählt, merkt man, wie wenig Zeit offensichtlich geblieben ist, neben dem Funktionieren als kommunaler Krisenmanager die eigenen Erlebnisse zu verarbeiten. Gerhard Berger war mit seiner Tochter im Zelt. Beide haben das Unglück unverletzt überstanden. "Es ist so schnell gegangen. Ich hab nur gemerkt, dass sich das Zelt hebt. Und dann war es plötzlich dunkel. Und für ein paar Sekunden totenstill. Erst dann kamen die Schreie."

Der Bürgermeister selbst wird neben dem örtlichen Feuerwehrkommandanten und dem Zeltverleiher bei der Staatsanwaltschaft Ried als Beschuldigter geführt. Doch für Gerhard Berger ist eines klar: "Es war höhere Gewalt."

Warten auf Gutachten

Dennoch ist die irdische rechtliche Beurteilung noch nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob Fahrlässigkeit im Raum steht. "Ermittelt wird, ob das Zelt ordnungsgemäß aufgebaut war und ob Unwetterwarnungen missachtet wurden", sagte Alois Ebner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Ried, dem STANDARD. Ein angefordertes Gutachten über die Statik des Festzelts liegt aber mehr als vier Monate nach dem Unglück noch nicht vor. Der Gutachter benötigt für die Erstellung länger als ursprünglich geplant: Ende August ging die Staatsanwaltschaft noch davon aus, dass Ermittlungsergebnisse im Herbst vorliegen würden.

Die Expertise soll nun Anfang Jänner fertig sein, dann erfolgt die Prüfung durch die Staatsanwaltschaft. Ein weiteres Gutachten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zu den Unwetterwarnungen im Vorfeld des Unglücks liegt "bereits seit geraumer Zeit vor", sagte Ebner. Die Erkenntnisse aus beiden Gutachten würden in die Gesamtbeurteilung einfließen.

Auch Oberstaatsanwaltschaft eingebunden

Die Entscheidung über die weitere Vorgangsweise muss zudem vorab als Vorhabensbericht an die Oberstaatsanwaltschaft geschickt werden. Danach bleiben laut Ebner zwei Möglichkeiten übrig: "Entweder gibt es eine Einstellung des Verfahrens oder es wird ein Strafantrag gegen die Verantwortliche des Zeltfestes gestellt."

Doch abgesehen davon, wie Justitia entscheidet, ist eines klar: In "Saiga Hans" wird es im Sommer kein Zeltfest geben. "Das schaffen wir noch nicht", ist der Bürgermeister überzeugt. (David Krutzler, Markus Rohrhofer, 30.12.2017)