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Romandebüt von Peter Keglevic: Hitlers unrühmliche Bastarde

2. Jänner 2018, 13:11

In "Ich war Hitlers Trauzeuge" zeichnet der österreichische Autor die bizarre Odyssee eines jüdischen Läufers durch die letzten Tage Nazideutschlands nach

Wien – Das sagt sich so einfach, dass das Leben weitergeht. Dabei bedeutet das noch lange nicht, dass man zukünftig darin eine Rolle zu spielen hat. Das Leben nimmt nämlich – wie man weiß, aber gerne verdrängt – auch ohne eigenes Zutun seinen Lauf.

Von einem solchen Lauf um das eigene Leben, das jeden Augenblick zu Ende sein kann, erzählt auch der österreichische Autor Peter Keglevic in "Ich war Hitlers Trauzeuge" – und zwar in doppelter Hinsicht. "Nach fast tausend Kilometern lief ich in das Vorzimmer des Untergangs", heißt es gegen Ende dieses mit knapp 600 Seiten gewichtigen Romans, als der Held der Erzählung, ein gewisser Harry Freudenthal, Ende April 1945 endlich sein Ziel erreicht – das zerbombte, brennende Berlin.

Merkwürdiger Sieger

In diesem Augenblick geht, mit der Ankunft des Juden Freudenthal im Führerbunker, nicht nur das für tausend Jahre errichtete Deutsche Reich früher zu Ende als gedacht (beziehungsweise später als erhofft), sondern auch jener von Keglevic ersonnene Lauf, der diesen merkwürdigen Sieger hervorgebracht hat und der als Gewinner Hitler zum Geburtstag gratulieren darf. Freudenthal hat den Tausendkilometerlauf "Wir laufen für den Führer" von Berchtesgaden – mit Abstecher nach Braunau – über Nürnberg, Bayreuth, Plauen und Leipzig nach Berlin gewonnen; begleitet vom BDM, dem "Völkischen Beobachter" und, flankiert von ihrem Assistenten HJ Syberberg, der Reichsfilmregisseurin Leni Riefenstahl im wehenden weißen Mantel.

Peter Keglevic schickt in seinem Pikaro-Roman seinen jüdischen Helden zu Hitler in den Führerbunker: "Er war so in sich zusammengesunken, als liege da eine alte Hundedecke." Immerhin kann der Diktator noch das Salz aus Siebenbürgen erschmecken.
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Der Roman, den der 1950 in Salzburg geborene ehemalige Buchhändler, Autor und Fernsehfilmregisseur – der 1995 den damals noch nicht zu Starruhm gekommenen Christoph Waltz in der "Roy Black Story" inszenierte – hier vorlegt, ist selbstverständlich reine Fiktion, eine sich bereits mit dem Titel ankündigende Satire. Aber doch zugleich eine mit hoher Rechercheleistung verbundene. Denn was diese Schelmenerzählung zuvorderst bemerkenswert macht, ist ihre Rückbindung an eine historische Wirklichkeit, die über weite Strecken – man möchte sagen: Etappen – tatsächlich so ausgesehen haben könnte.

Pilger auf Reisen

Denn Keglevic geht ins Detail, erweist sich vor allem in seinen Beschreibungen als äußerst präziser Beobachter. "Die Mischwälder des Vogtlandes streckten sich in gleichförmigen Wellen bis an die Straße und betörten mit allen Variationen von Grün. Die ersten Triebe der Birken waren so hell, dass sich das Grün fast noch im Weiß verbarg." Und während die zusammengewürfelte und von ihrem Einsatz immer weniger überzeugte Läufertruppe von Tag zu Tag schrumpft, entfaltet Keglevic mittels ausgedehnter Rückblenden buchstäblich schrittweise das Leben Freudenthals.

Dabei wird einem der von "Reichsgletscherspalte" Riefenstahl ("Wie soll ich diesen elenden, erbärmlichen Haufen fotografieren?") zufällig für den Lauf rekrutierte "Pilger" Freudenthal zwar immer vertrauter, je dichter sich die schicksalshaften Momente seiner Flucht und seines Lebens als U-Boot im Wiener Untergrund zu einem anderen Lebenslauf formen. Doch zugleich hält sich die Empathie in Grenzen, bewahrt Keglevic als Erzähler immer die Distanz zu seinem Helden, so wie dieser zu seinen skurrilen Läuferkollegen. Hagen mit der "ausgefransten Narbe", VW-Kurt "mit der monotonen Mechanik eines Kübelwagens", ein depressiver Österreicher und der "wie auf Sprungfedern hochschnellende" Franz, genannt "Gazelle" – sie alle bleiben Pikaro-Randfiguren, die sich, im Gegensatz zu Harry, dessen erlogene "Mission" sich zunehmend verselbstständigt, auf den zweiten Platz wünschen. Das BMW-Motorrad mit Beiwagen kann man dieser Tage besser brauchen als Hitlers feuchten Händedruck.

Langer Atem

Gewiss, man benötigt auch als Leser einen langen Atem, um mit Keglevic Schritt zu halten. Und ein aufmerksameres Lektorat (da steht eine "Regildis" im Naumburger Dom oder spricht ein "Elmar Banz" im Großdeutschen Rundfunk) hätte dieser Odyssee ebenso gutgetan wie eine Straffung mancherorts. Doch Keglevic räumt diese Stolpersteine vor allem dann immer wieder zur Seite, wenn er beschreibt, wie sich Schauplatz und Situation zum nahezu explosiven Gemisch verdichten und auf seinen Helden physisch einwirken: "Ich kam mir vor wie in den Magdeburger Halbkugeln, aus denen die Luft gepumpt worden war."

Dass dieser Roman am Ende zur irrwitzigen Bunkerburleske gerät, ist angesichts von Filmen wie "Der Untergang" und Bildern, die den "Menschen" Hitler zeigen sollen, schon wieder fast realistisch. (Michael Pekler, 2.1.2018)

Peter Keglevic, "Ich war Hitlers Trauzeuge". € 26,80 / 576 Seiten. Knaus, München 2017