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Senioren am Arbeitsmarkt: "Ich denke nicht ans Aufhören"

2. Jänner 2018, 15:59

Für viele Menschen hört das Arbeiten auch in der Pension nicht auf. Etwa für Helene K., die weiter Bewohner in einem Altersheim pflegt, oder Christine Dunn, die zu backen beginnt

Wien – Wenn Helene K. durch den Flur geht, grüßt sie jeden Bewohner mit "Guten Morgen". Die meisten kennt sie beim Namen, weiß ihr Alter, kennt ihre Lebensgeschichte. Um sieben Uhr früh fängt sie zu arbeiten an, verteilt die Medikamente auf der Station, hilft den Bewohnern beim Anziehen, Duschen und Frühstücken, am Nachmittag bereitet sie Kaffee und Jause vor. Fünfzehn Stunden arbeitet sie jede Woche in dem Pensionistenwohnhaus in Wien-Döbling. Die 60-Jährige ist seit einem Jahr in Pension, ans Aufhören denke sie noch lange nicht. "60 ist ja noch kein Alter", sagt Helene K., "solange es körperlich geht, möchte ich weiterarbeiten."

Fitter und gesünder

Helene K. ist nicht die Einzige, für die die Arbeit in der Pension weitergeht. 70.370 Pensionisten sind laut Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger weiterhin erwerbstätig. Vor vier Jahren waren es noch etwa 6.000 weniger. Das habe zum einen mit der finanziellen Situation zu tun, sagt Wolfgang Panhölzl von der Arbeiterkammer Wien.

Im Durchschnitt bekommen Pensionisten 1.100 Euro im Monat, wobei hier die Spannen weit auseinandergehen. Sind es bei Männern etwa 1.400 Euro im Monat, kommen Frauen im Durchschnitt auf 900 Euro. Für sie sei die Arbeit ein guter Zuverdienst, um den Lebensstandard in der Pension anzuheben, statt eintägigen Busreisen lieber Fernreisen zu machen oder sich weiterhin eine große Wohnung zu gönnen, meint Panhölzl. Zum anderen seien viele Senioren und Seniorinnen heute fitter und gesünder als früher, haben mit Beginn der Pension noch 20 bis 25 Jahre vor sich. In Österreich gehen Männer im Durchschnitt mit 61 und Frauen mit 59 Jahren in Pension.

So arbeitet die pensionierte Christine Dunn seit drei Jahren im Café Vollpension in Wien-Wieden als "Back-Oma". "Ich bin gerne mit Leuten zusammen und höre mir die Geschichten der Jungen an", sagt Dunn, die auf einem der Sessel im Inneren des Cafés Platz genommen hat. Auf den Wänden um sie herum hängen Fotos von älteren Ehepaaren und Familien, in der Ecke steht ein altes Radio. Christine Dunn war früher Schauspielerin, heute bäckt sie circa vierzig Stunden im Monat Zitronenschnitten, Mohntorten und Gugelhupfe – alles vegan, wie sie stolz hinzufügt. Sie bekommt dafür monatlich vierhundert Euro zu ihren 850 Euro Pension.

In der Vollpension backen und kochen 18 Pensionisten und Pensionistinnen. Viele Gäste haben das Gefühl, wie bei der Oma daheim zu sein.
foto: get active / vollpension

Große Nachfrage nach Arbeit

"Vor allem Frauen haben oft wenig Pension, gleichzeitig aber die besten Backkünste", sagt Julia Krennmeier, eine der Gründerinnen der Vollpension. Das Café sei 2014 mit der Idee entstanden, Arbeitsplätze für Senioren und Seniorinnen zu schaffen. Insgesamt 16 Seniorinnen und zwei Senioren arbeiten als Bäckerinnen und Kellnerinnen im Café. Die Nachfrage nach Arbeitsmöglichkeiten sei aber noch größer, sagt Krennmeier. "Viele wollen noch etwas verdienen und unter Leuten sein." Mehr als siebzig Personen befänden sich derzeit auf der Warteliste, um bei der Vollpension anzufangen.

Dem Verdienst während der Pension sind nach oben hin allerdings Grenzen gesetzt: Wer freiwillig oder gezwungen vorzeitig in Pension geht, darf monatlich maximal bis zur Geringfügigkeitsgrenze von rund 438 Euro dazuverdienen. Wird diese Grenze überschritten, fällt die Pension für den gesamten Monat weg. Befindet man sich in einer normalen Alterspension, die für Männer ab 65 und für Frauen ab 60 Jahren beginnt, darf auch über die Geringfügigkeitsgrenze hinaus verdient werden, im Normalfall muss dann aber der Verdienst zusammen mit der Pension versteuert werden.

Pensionsbeiträge fallen weg

Würde man im Monat 1.000 Euro verdienen, blieben am Ende effektiv nur 380 Euro übrig, rechnet Ingrid Korosec, Präsidentin des Österreichischen Seniorenbunds, vor. Denn Pensionisten müssen wie andere Erwerbstätige die vollen Pensionsversicherungsbeiträge zahlen, diese erhöhen die Pension aber nur minimal. Das bestrafe vor allem jene, die noch weiterarbeiten wollen, meint Korosec. Sie freut sich, dass die neue Regierung die Beiträge für Menschen in der normalen Alterspension streicht. Pensionisten bleiben damit künftig 20 Prozent mehr vom Lohn.

Die Gefahr, dass Pensionisten jüngeren Jobsuchenden Arbeitsplätze wegnehmen, sieht Korosec nicht. Es gehe eher darum, Lücken und Nischen am Markt zu füllen. Die Arbeitsmöglichkeiten für Seniorinnen reichen von Alten- und Kinderbetreuung über Fremdenführer, Nachtwächter oder Berater.

Besonders in Altersheimen werden ältere und erfahrene Pflegerinnen gesucht.
foto: regine hendrich

Derzeit sei die Akzeptanz bei Unternehmen gegenüber älteren Arbeitnehmern aber immer noch gering, kritisiert Wolfgang Panhölzl, und das, obwohl in vielen Menschen noch enormes Wissen und Erfahrung steckten, von denen das Unternehmen und die Allgemeinheit profitieren könnten.

Die Pension als neuer Lebensabschnitt

Und auch den Seniorinnen selbst helfe die Beschäftigung durch die Pension, meint Leopold Stieger, der vor zwölf Jahren die Plattform seniors4success gründete und seither Workshops und Seminare in Sachen Arbeit in der Pension gibt. Die Pension biete die Möglichkeit, neue Potenziale und Träume zu entdecken. Sie müsse als neuer Lebensabschnitt gesehen werden, wo körperlich und geistig oft noch sehr viel möglich ist, sagt Stieger.

"Ich werde erst in ein paar Monaten sehen, wie viel mir von meinem Verdienst übrig bleibt", sagt Helene K. Viel wichtiger als der finanzielle Aspekt sei für sie ohnehin die soziale Betätigung: "Einfach nur in der Stadtwohnung zu sitzen, davon bekomme ich Depressionen." Schon einen Monat nach Pensionsantritt habe sie sich leer gefühlt. Andere hätten sich jahrelang auf die Pension gefreut und diese schließlich nicht ausgehalten. "Es ist schwierig, plötzlich von hundert auf null zu fallen", sagt sie. Die Tagesstruktur im Wohnhaus gebe ihr neuen Halt. Helene K. blickt auf die Uhr und huscht schon wieder in eines der Zimmer. Im ersten Stock warten heute mehr als zwanzig Bewohner auf ihren Besuch. (Jakob Pallinger, 2.1.2018)