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Israel klagt 16-jährige Palästinenserin Tamimi an

2. Jänner 2018, 15:03

Ahed Tamimi hatte israelische Soldaten geohrfeigt und getreten. Ihre 20-jährige Cousine soll gegen Kaution freikommen

Jerusalem – Israel hat Anklage gegen eine 16-jährige Palästinenserin erhoben, die einen Soldaten im Dorf Nabi Saleh vor laufender Kamera ins Gesicht geschlagen hatte. Ihrer Anwältin zufolge sei Ahed Tamimi vor einem Militärgericht im besetzten Westjordanland am Montag wegen Körperverletzung angeklagt worden, die Untersuchungshaft wurde um eine Woche verlängert.

Tamimi ist in zwölf Punkten angeklagt, die nicht nur die Konfrontation am 15. Dezember 2017 betreffen, sondern auch weitere fünf Angriffe auf israelische Sicherheitskräfte im vergangenen Jahr. Einer Mitteilung der Armee zufolge wird sie unter anderem beschuldigt, Steine geworfen und Drohungen ausgesprochen zu haben sowie an Ausschreitungen beteiligt gewesen zu sein.

Cousine wird gegen Kaution freigelassen

Tamimis vier Jahre ältere Cousine Nur wurde im Rahmen des Vorfalls bereits wegen schwerer Körperverletzung und Behinderung von Soldaten im Dienst angeklagt. Die Untersuchungshaft der 20-Jährigen endet am Dienstagnachmittag. Sofern der Staatsanwalt keinen Einspruch erhebe, werde sie gegen eine Kaution von 5.000 Schekel (rund 1.200 Euro) freigelassen, berichtete die Anwältin.

Das Militärgericht von Ofer hat auch gegen Tamimis ebenfalls beteiligte Mutter Nariman in fünf Punkten Anklage erhoben und wird sie bis Montag in Gewahrsam behalten. Ihr werden zudem weitere Konfrontationen mit Soldaten und der Nutzung von Facebook zum "Aufruf zu terroristischen Akten" angelastet.

Konfrontation mit israelischen Soldaten

Die Frauen waren im vergangenen Monat nach einem Vorfall in dem Dorf Nabi Saleh nahe Ramallah festgenommen worden. Auf einem Handyvideo, das sich schnell in sozialen Medien verbreitete, war zu sehen, wie Tamimi, ihre Mutter und ihre Cousine Nur die Konfrontation mit zwei israelischen Soldaten suchen.

Die beiden jungen Frauen traktieren die Israelis mit Fußtritten und Ohrfeigen. Die schwer bewaffneten Männer reagieren zunächst nicht auf die Attacke, die eher eine Provokation zu sein scheint als ein ernsthafter Versuch, sie zu verletzen, und ziehen sich schließlich zurück, als Tamimis Mutter Nariman auf sie einredet. Aheds Vater zufolge sollen die Soldaten zuvor brutal in das Haus der Familie eingedrungen sein. In dem Dorf war außerdem gegen die US-Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, protestiert worden. Dabei war Zeugenaussagen zufolge ein Verwandter Aheds, der 15-jährige Mohammed Tamimi, von einem Geschoß schwer verletzt worden.

Provokateurin oder Heldin?

Laut Staatsanwaltschaft befanden sich die Soldaten in der Einfahrt, um zu verhindern, dass Palästinenser von dort aus israelische Autofahrer mit Steinen bewerfen. Der Vorfall löste eine Kontroverse aus: In Israel wurden die Soldaten für ihre zurückhaltende Reaktion gelobt und Tamimi als "Provokateurin, die es versteht, ihre Taten zu medialisieren", kritisiert.

Unter Palästinensern gilt die am 19. Dezember verhaftete Jugendliche als Heldin und avancierte zu einer Ikone des Widerstands. In sozialen Netzwerken wird die 16-Jährige für ihren "Mut gegenüber Schurken" gelobt. Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas rief nach dem Vorfall ihren Vater an und lobte den Widerstand der Familie gegen die israelische Besatzung, wie die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa berichtete.

Die wiederkehrenden Proteste im Dorf Nabi Saleh hatten sich 2009 durch die Umleitung einer Quelle der Tamimis in die Siedlung Halamish entzündet. Mehrfach gab es seither Tote bei Demonstrationen, und immer wieder ist Ahed Tamimi bei den Protesten auf Bildern zu sehen: Bereits 2012 gingen Fotos von ihr um die Welt, wie sie einem israelischen Soldaten die geballte Faust entgegenstreckte. Daraufhin wurde sie vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan empfangen, der damals noch das Amt des Ministerpräsidenten bekleidete. Aus dem Jahr 2015 gibt es ein Foto von ihr, wie sie einem israelischen Soldaten in die Hand beißt, um ihn an der Festnahme ihres Bruders zu hindern. Ihr Vater Bassem war mehrere Jahre in Israel inhaftiert und ist bei Demonstrationen bis heute häufig ganz vorn dabei. (APA, red, 2.1.2018)