Foto: APA/dpa/Oliver Berg

Virtuelle Sozialarbeit gegen Internetpropaganda

8. Jänner 2018, 08:00

Jugendarbeiter haben immer weniger Zugang zum digitalisierten Alltag von Teenagern. Forscher untersuchen, wie offene Jugendarbeit Radikalisierung im Netz gegensteuern kann

Dornbirn – Soziale Medien und Internet sind ein grundlegender Bestandteil des Alltags von Jugendlichen und spielen deshalb eine wichtige Rolle bei deren Identitätsentwicklung. Diesen Umstand nutzen auch der IS und andere extremistische Gruppierungen, die gezielt und höchst professionell junge Menschen über das Netz ansprechen. Erleichtert wird das durch die oft unkritische Mediennutzung der Heranwachsenden, die Vereinnahmungsversuchen wenig entgegensetzen können.

Viele verfügen nicht über das nötige Wissen, um Manipulationsabsichten zu erkennen oder den Wahrheitsgehalt von Netzinhalten zu beurteilen. Ganz im Gegenteil: Ihre Bereitschaft, virtuellen Kontakten zu vertrauen, ist mitunter erschreckend groß. Wie könnte man die Jugendlichen besser dabei unterstützen, ihre Kritikfähigkeit und ihr Bewusstsein für Gefährdungen zu stärken?

Inhalte hinterfragen

Im Projekt e-youth.works befassen sich Forscher mit den digitalen Herausforderungen in der offenen Jugendarbeit, die besonders niederschwellig mit Jugendlichen in Kontakt tritt. Denn die neuen Kommunikations- und Beziehungsformen ihrer Zielgruppe erfordern auch neue Arbeitsweisen für die Sozialarbeiter, die als Begleiter, Unterstützer und Vorbilder eine wichtige Rolle im Leben marginalisierter Heranwachsender spielen.

"Offene Jugendarbeit kann zwar nicht verhindern, dass Jugendliche mit gewaltverherrlichenden Inhalten und extremistischer Internetpropaganda in Berührung kommen, sie kann die jungen Menschen aber dabei unterstützen, solche Inhalte zu hinterfragen", betont Projektleiterin Hemma Mayrhofer vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie. Wie das am besten funktionieren kann, soll das Projekt klären, das durch das Sicherheitsforschungsprogramm Kiras des Verkehrsministeriums gefördert wird. Projektpartner sind das Bundesweite Netzwerk Offene Jugendarbeit (Boja), der Verein Wiener Jugendzentren, das Familien- und das Innenministerium.

Extremistische Ansichten

In einer von den Forschern durchgeführten Onlinebefragung gaben fast zwei Drittel der Jugendarbeiter an, dass sie in ihrer Einrichtung häufig auch mit Jugendlichen zu tun haben, die extremistische Ansichten äußern. "Dabei handelt es sich meist nicht um Personen mit einem bereits verfestigten extremistischen Weltbild", so die Soziologin. "Die Jugendarbeiter haben deshalb noch die Möglichkeit, Radikalisierungsprozesse zu irritieren oder zu unterbrechen und alternative Identitätsangebote zu machen."

Diese Interventionen erfolgen zurzeit größtenteils "offline" im persönlichen Kontakt. "Hier wäre allerdings eine deutlich stärkere Verbindung von Online- und Offline-Arbeit erforderlich", betont Mayrhofer. Damit hätte die offene Jugendarbeit nicht nur mehr Interventionsmöglichkeiten zur Verfügung, sondern könnte über die Profile und Kontakte der Jugendlichen auch die Risiken besser einschätzen.

Fake-News und Fake-Fotos

Als Role-Models können Jugendarbeiter in der digitalen Alltagskommunikation quasi en passant ein Bewusstsein für Themen wie Datenschutz, Quellenbeurteilung oder Fake-News vermitteln. "Als Einstieg in die Debatte um Fake-News haben Jugendarbeiter beispielsweise selbst die Falschmeldung über den bevorstehenden Abriss des eigenen Jugendzentrums ins Netz gestellt", berichtet Hemma Mayrhofer. "Etliche Jugendliche haben das geglaubt und damit eine nachhaltige Erfahrung zum Thema Fake-News gemacht."

Auch der verbreitete Glaube, dass ein Profil durch Fotos vertrauenswürdig wird, kann durch medienpädagogische Interventionen heilsame Risse erfahren: etwa indem der Jugendarbeiter demonstriert, wie leicht ein Bild "gefakt" werden kann.

Online-Role-Models

Um die jugendliche Identitätsfindung auch in den sozialen Netzen wirksam unterstützen zu können und als Role-Model zu wirken, braucht man allerdings beträchtliches methodisch-didaktisches Know-how. "Eine breite fachliche Auseinandersetzung mit digitaler Jugendarbeit steht in Österreich allerdings erst am Anfang, auch wenn sich einzelne Einrichtungen bereits intensiv damit befassen", weiß Hemma Mayrhofer aus der Onlinebefragung.

Eine direkte Kommunikation zwischen Jugendarbeitern und Jugendlichen im virtuellen Raum finde zurzeit kaum statt. Das habe auch mit den knappen Zeitressourcen zu tun: So können gegenwärtig höchstens zehn Prozent der Arbeitszeit für die Onlinejugendarbeit aufgewendet werden. "Hier braucht man einen klaren Auftrag seitens der Jugendpolitik und der Fördergeber", sagt Mayrhofer.

Und wie beziehen die Jugendarbeiter ihr Wissen für diesen wichtigen zusätzlichen Arbeitsbereich? "Das erfolgt meist informell durch Tun und Ausprobieren, durch Vernetzung mit Kollegen und den Kontakt mit den Jugendlichen", berichtet die Forscherin. In der Ausbildung werden entsprechende Kompetenzen kaum vermittelt. Viele der interviewten Jugendarbeiter sehen hier großen Nachholbedarf. (Doris Griesser, 8.1.2018)