Trump gegen Kim Jong-un: Wettkampfsieg in sinnlosem Horror

Kommentar |
3. Jänner 2018, 15:37

Trumps kindische Nordkorea-Tweets zeigen eine strategische Schwäche der USA

Schneller, höher, stärker! Kaum lässt Nordkorea anklingen, an den Olympischen Spielen beim südlichen Nachbarn teilnehmen zu wollen, nimmt auch US-Präsident Donald Trump die sportliche Herausforderung an. Ihm geht es um Größe und Macht, und zwar um jene seines Knopfes für den Atomwaffenstart. Dieser, ließ er nun via Twitter wissen, sei jenem, den Nordkoreas Diktator Kim Jong-un in seiner Neujahrsrede erwähnt hatte, in beiden Belangen weit überlegen.

Auf dem falschen Fuß erwischt

Dass es wirklich eine Nachdenkpause von zwei Tagen gebraucht hat, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, ist nicht anzunehmen. Vielmehr hat es einen anderen Grund, dass Trump erst so spät – und inhaltlich dünn – auf die Ansprache Kims reagiert: Nordkoreas Diktator hat die USA mit seinen Gesprächsangeboten in Richtung Südkorea auf dem falschen Fuß erwischt. Vergleicht man die jüngsten Worte aus den USA mit jenen aus Nordkorea, muss man konstatieren: Dem Mann, der in den vergangenen zwei Jahren drei Atomtests befohlen hat, ist es gelungen, im Vergleich mit seinem US-Gegner fast verantwortungsvoll zu wirken – nicht aus eigenem Verdienst, aber im Resultat eben doch. Zumindest bis zum nächsten Raketenstart.

Der Süden ist dem Dialogangebot hastig nachgekommen, was aus Sicht Präsident Moon Jae-ins nachvollziehbar ist. Ihm ist bewusst, dass mit der "totalen Zerstörung" Nordkoreas, die Trump angedroht hat, die fast totale Zerstörung seines eigenen Landes einhergehen würde. Miteinander zu reden heißt freilich nicht, dass Seoul allen Avancen aus dem Norden blindlings folgen sollte oder wird. Wem, wenn nicht Südkorea, sollte es bewusst sein, dass das Fernziel des Nordens nicht eine friedliche Koexistenz ist, sondern die Wiedervereinigung unter der Herrschaft Kims. Aber auch wenn man nur auf wenige Angebote eingehen kann – ein Dialog ist besser als keiner.

Große "Atomknöpfe"

Die USA sehen das ganz anders: Für sie wäre eine Annäherung der beiden Koreas eine schlechte Nachricht – nicht zuletzt, weil damit das internationale Sanktionsregime wieder zu bröckeln beginnen könnte, das man gerade erst mühsam errichtet hat. Präsentiert sich Kim als berechenbar, werden China und Russland bald keinen Grund mehr sehen, die Strafmaßnahmen im aktuellen Ausmaß aufrechtzuerhalten. Und dann, so die Befürchtung, bleibe dem kommunistischen Staat mehr Geld für die Rüstung.

Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil sich Washington und Seoul in ihrer Einschätzung Kims unterscheiden. In Südkorea geht man – wie auch in Moskau und Peking – davon aus, dass Nordkoreas Diktator vor allem am eigenen Überleben interessiert ist. In dieser Hinsicht dient sein Nukleararsenal der Verteidigung. Das Weiße Haus glaubt das nicht unbedingt: Trumps Sicherheitsberater H. R. McMaster hat Zweifel daran anklingen lassen, dass sich Nordkorea durch Abschreckung an einem Krieg hindern lassen würde. Vermutet man das, steigt der Anreiz für einen Präventivschlag. Besonders dann, wenn Pjöngjang aufrüstet.

Trump mag Kim darin übertreffen, große "Atomknöpfe" auf dem Schreibtisch zu imaginieren, wo sich diese laut Experten nie befinden würden. Vielleicht stellt sich dabei – im übertragenen Sinn – heraus, dass jener des US-Präsidenten wirklich mächtiger ist als der Nordkoreas. Doch das ist eben nicht alles. Denn während Trump stolz tweetet, noch größeren Horror anrichten zu können als Kim, spielt dieser gerade strategische Trümpfe aus. (Manuel Escher, 3.1.2018)