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Protest im Iran rückt Messenger Telegram in den Fokus

3. Jänner 2018, 17:55

Beim Arabischen Frühling nutzten Demonstranten vor allem Facebook und Twitter

Bei der "Grünen Revolution" im Iran im Jahr 2009 gingen tausende junge Menschen auf die Straße, um für Freiheit und gegen Präsident Mahmoud Ahmadinejad und seine Regierung zu protestieren. Soziale Medien spielten damals noch eine untergeordnete Rolle.

Schließlich hatten nur wenige Demonstranten bereits ein Smartphone, um sich zu Demonstrationen zu verabreden oder Übergriffe von Polizei und Militär in Handyvideos zu dokumentieren.

48 Millionen Iraner mit Smartphone

Inzwischen verfügt mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Iran über ein Smartphone. Das iranische Startup-Portal Techrasa berichtete im Sommer 2017, dass bereits 48 Millionen Iraner ein Smartphone besitzen – bei einer Gesamtbevölkerung von rund 80 Millionen. Und auf den meisten iranischen Smartphones ist der Telegram Messenger installiert.

Telegram war zumindest zum Beginn der aktuellen Unruhen im Iran auch das mit Abstand wichtigste Kommunikationsmittel der Demonstranten. Allerdings versucht das Regime seit Tagen, Telegram und Dienste wie Instagram zu blockieren. Seit Silvester arbeiten die Behörden auch verstärkt daran, dieInternet-Tunneldienste (VPN) lahmzulegen, mit denen man bis dahin die technischen Blockaden einzelner Dienste recht wirkungsvoll umgehen konnte.

Im Iran konnte sich Telegram auch deswegen durchsetzen, weil der Dienst zu keinem großen US-amerikanischen Internetkonzern gehört. Der Dienst wurde von den Brüdern Nikolai und Pawel Durow gegründet, die mit dem russischen Facebook-Klon VKontakte reich geworden waren. Die Brüder kehrten 2014 ihrem Heimatland den Rücken, nachdem sie von russischen Sicherheitsdiensten bedrängt worden waren. Das aus dem Durow-Vermögen finanzierte Entwickler-Team reist seitdem quasi als digitale Nomaden durch die ganze Welt. Zu den Stationen zählen Singapur, London aber auch Berlin. Für Anfragen staatlicher Stellen ist Telegram kaum zu erreichen.

Funktionen wie bei Whatsapp

Mit Telegram kann man zum einen ähnlich wie bei Whatsapp oder dem Facebook Messenger chatten, Fotos und Videos austauschen oder telefonieren. Einzelne Nachrichten kann man auch so einstellen, dass sie sich nach dem Lesen automatisch löschen. Die App ermöglicht weiterhin, ähnlich wie bei Twitter bestimmte Kanäle zu abonnieren. Der zur Zeit im Iran besonders populäre Kanal "Sedaie Mardom" kommt auf 1,4 Millionen Abonnenten. Dort wird immer wieder zu bestimmten Protestaktionen im Iran aufgerufen. Außerdem werden dort Fotos und Videos veröffentlicht, die bei den Protestaktionen aufgenommen sein sollen. Die Authentizität dieses Materials lässt sich allerdings nur schwer überprüfen.

Ob man Telegram vertrauen kann, ist unter Experten, aber auch den Demonstranten im Iran umstritten. So machten tschechische Sicherheitsforscher in der selbstgestrickten Verschlüsselungstechnik von Telegram Lücken aus. Und viele Oppositionelle im Iran zeigten sich entsetzt, als Telegram kurz vor Silvester den populären Telegram-Kanal Amadnews blockierte.

Neue Nutzungsbedingungen nach Terroranschlägen in Paris

Telegram-Gründer Pawel Durow verwies in einer Stellungnahme darauf, dass Telegram sich seit den Terroranschlägen in Paris 2015 einfache Benutzungsbestimmungen auferlegt habe, nachdem Dinge wie der Aufruf zur Gewalt oder die Verbreitung von Pornografie unterbunden würden. "Gestern mussten wir den öffentlichen Kanal @amadnews suspendieren, nachdem dazu aufgerufen wurde, Molotowcocktails und Schusswaffen gegen die Polizei einzusetzen." Nachdem die Administratoren aber zugesagt hätten, dies in Zukunft zu unterlassen, habe man den Kanal wieder freigeschaltet.

Unterdessen empfehlen Aktivisten wie der US-Whistleblower Edward Snowden den Umstieg auf die App Signal, die eine besonders wirksame Verschlüsselung der Kommunikation verspricht. Signal ist allerdings derzeit im Iran auch weitgehend gestört. Das liegt offenbar weniger an iranischen Zensurbemühungen, sondern der Tatsache, dass Signal technisch unter anderem auf den Clouddienst AppEngine von Google aufsetzt, der wegen der US-Sanktionen nicht im Iran angeboten werden darf. "Viele US-Politiker sagen, dass sie iranischen Demonstranten helfen wollen. Wenn sie es ernst meinen, könnte ein Anruf Google dazu bringen, die Fähigkeit von Millionen von Demonstranten wiederherzustellen, sich zu verbinden und zu organisieren", schrieb Snowden auf Twitter. (Christoph Dernbac/dpa/APA, 3.1.2018)