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Bleiben wir eine offene Gesellschaft!

Userkommentar |
9. Jänner 2018, 11:57

Warum ein inklusives, solidarisches und zukunftsorientiertes Europa unser Engagement braucht. Ein offener Brief an Sebastian Kurz

Ich bin ein Italiener, der in Deutschland wohnt, studiert und lebt. Wie Sebastian Kurz wurde ich 1986 geboren. Wir haben beide ein Europa erlebt, das uns nur Frieden, Chancen und Hoffnungen gebracht hat. Unsere persönlichen Geschichten sind aber unterschiedlich. Und unsere Vorstellungen von Europa sind es sicher auch, aber sie sind die Grundlage für das Finden gemeinsamer Positionen. Deswegen möchte ich meine Ideen öffentlich teilen.

Warum ist Europa für mich so wichtig? Was bedeutet Europa für mich? Diese zwei Fragen möchte ich mit einem Beispiel beantworten. Es ist ein sehr persönliches Beispiel. Es geht um meine Großmutter, und es geht um mich. Ebenso dreht es sich um gestern und heute.

Krieg, Hass, Angst

1944, die Toskana, meine Heimat, brennt. Unweit der Front, am Rand der Apuanischen Alpen, liegt ein Dorf, Sant'Anna di Stazzema. Feuer, Schreie, Blut und Tod. 560 Menschen, meist ältere Leute, Frauen und Kinder, wurden von Angehörigen der Waffen-SS, mit der Unterstützung von italienischen Faschisten der Italienischen Sozialrepublik, massakriert.

Damals war meine Oma 15 Jahre alt. Alt genug, um zu verstehen, alt genug, um sich zu erinnern. Damals herrschten Krieg, Hass, Angst. Ein Wort, das die SS-Männer oft gebraucht haben, ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: raus! Ein Wort, das für Ausgrenzung steht.

Wiederholung der Vergangenheit

Immer häufiger wird das Wort "raus" heute wiederholt. Es scheint eine Wiederholung der Vergangenheit zu sein. Wir wollen aber keine.

Europa ist für mich Frieden. Europa ist für mich Inklusion. Europa steht heute für Hoffnungen, Chancen, die vielfältigen Möglichkeiten, unser Leben zu verbessern und in Sicherheit glücklich zu werden. Für jeden von uns! Für jeden, der unsere Hilfe braucht.

Europa als Chance

Für meine Oma war die deutsche Sprache synonym mit Ausgrenzung und Angst. Für mich hingegen bedeutet sie, integriert zu sein, bedeutet sie eine Chance, mein Leben hier in Deutschland zu verbessern, meine sozialen Kontakte zu erweitern. Sie bedeutet ganz einfach mein Leben, hier, weil ich mich dazu entschlossen habe, zu leben.

Europa ist für viele Menschen wie mich genau das. Europa kann das sein, auch für viele Menschen, die wegen Hunger, Krieg und Unterdrückung auf der Flucht sind. Bleiben wir eine offene Gesellschaft! Wir haben heute einen Schatz, Europa, der uns nicht geschenkt wurde. Es brauchte erst das Blut, die Toten und das viele Leiden, auch das meiner Großmutter, damit Frieden und Freiheit möglich wurden.

Europa voranbringen

Heute, wie damals, braucht Europa unser Engagement. Jeden Tag müssen wir kämpfen, um dieses Projekt zu schützen und voranzubringen. Gegen neue Formen von altem Rassismus, gegen Intoleranz, Ausgrenzungen und Hassparolen. Wir tragen diese Verantwortung! Deswegen engagiere ich mich für Europa, immer und immer mehr.

Sebastian Kurz ist einer der jüngsten Ministerpräsidenten Europas. Ich bitte ihn, trotz politisch klarer Unterschiede, unser Europa weiter zu schützen. Diese Verantwortung liegt insbesondere wegen seines Amtes in seinen Händen und in den Händen unserer Generation. Lasst uns gemeinsam für ein inklusives, solidarisches und zukunftsorientiertes Europa kämpfen und den Populismus vermeiden. (Federico Quadrelli, 9.1.2018)

Federico Quadrelli ist Blogger für die italienische Onlinezeitung "Formiche", Vorsitzender der Partito-Democratico-Gruppe in Berlin und Brandenburg und PES-Aktivist (Sozialdemokratische Partei Europas). Twitter: @FedericoQuadrel

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