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Wo der Arbeitsmarkt alt aussieht und was die Regierung vorhat

5. Jänner 2018, 06:00

Die Regierung setzt bei Arbeitslosen den Hebel an, einige Experten sehen in der steilen Lohnkurve das Hauptproblem

Wien – Während die Trendwende am österreichischen Arbeitsmarkt anhält, bleibt das Problem älterer Arbeitsloser ungelöst. Neben dem Ende der Aktion 20.000 – hier wurden geförderte Jobs in Gemeinden geschaffen – könnte ein weiterer Schritt die Nöte erhöhen: Die Regierung will die Altersteilzeit einschränken. Dieses Modell, bei dem die Einkommenseinbußen infolge der Reduktion der Arbeitszeit vom Staat abgefedert werden, erfreute sich zuletzt großer Beliebtheit.

Mit 33.500 Personen, die von der Förderung profitieren, hat sich die Altersteilzeit in wenigen Jahren verdoppelt. Sie wurde angesichts der Verschärfungen bei der Frühpension zusehends als Schlupfloch genützt. Hier plant die Regierung die Verlegung des Antritts nach hinten. Können derzeit Frauen mit 53, Männer mit 58 Jahren in Altersteilzeit gehen, soll die Altersgrenze schrittweise auf 55/60 angehoben werden.

Wie schwer sich Ältere am Arbeitsmarkt tun, haben erst die Dezember-Zahlen gezeigt. In der Gruppe 50+ gab es trotz der allgemeinen Erholung mit 117.000 Arbeitslosen und Schulungsteilnehmern keine echte Entspannung. Auf das gesamte Jahr 2017 umgelegt, hat sich die Zahl der Jobsuchenden weiter erhöht. Eine andere Betrachtung verdeutlicht das Problem: Die Erwerbsquote Älterer (55 bis 64 Jahre) ist in Österreich im internationalen Vergleich mit knapp 50 Prozent gering. Der EU-Schnitt liegt bei 55,3 Prozent, Deutschland kommt auf 68, Schweden auf gut 75 Prozent.

Steile Lohnkurve

Internationale Organisationen wie die OECD und der Internationale Währungsfonds sehen hier neben dem faktisch niedrigen Pensionsalter einen weiteren Grund: die steile Lohnkurve. Durch automatische Vorrückungen verdienen ältere Personen im gleichen Job deutlich mehr als jüngere. Während dieses Senioritätsprinzip bei Arbeitern schwach ausgeprägt ist, sind die Unterschiede bei Angestellten trotz einiger Korrekturen in den letzten Jahren beträchtlich.

Die Produktivitätsentwicklung hinkt in vielen Fällen den steigenden Lohnkosten hinterher, weshalb für Unternehmen ein Anreiz besteht, ältere Mitarbeiter – wenn überhaupt – durch jüngere zu ersetzen. Ein EU-Vergleich zeigt, dass die Spreizung in Österreich besonders stark ausgeprägt ist. Unter 30-Jährige erhalten durchschnittlich einen Stundenlohn, der lediglich 57 Prozent desjenigen der über 60-Jährigen ausmacht.

quelle: eu-kommission, agenda austria

Gemeinsam mit den Niederlanden und Frankreich liegt Österreich hier im untersten Bereich. In Deutschland liegt das Verhältnis bei 67 Prozent, in Finnland und Schweden bei über 70 Prozent.

Abflachung der Lohnkurve

Einige Ökonomen wie Michael Christl von der Agenda Austria fordern eine Abflachung der Lohnkurve, wobei das Lebenseinkommen insgesamt nicht sinken soll. Auch AMS-Chef Johannes Kopf hat sich öfters für eine Korrektur ausgesprochen: Er plädierte schon vor drei Jahren für einen Ausgleich über eine Absenkung bzw. Anhebung der Pensionsbeiträge. Allerdings stieß Kopf auf Skepsis, u. a. beim Institut für Höhere Studien. Es verwies darauf, dass die Arbeitslosigkeit bei älteren Arbeitern, bei denen das Senioritätsprinzip kaum existent ist, besonders hoch sei.

Regierung hat andere Pläne

Die Regierung scheint das Problem der Lohnkurve direkt nicht angehen zu wollen, sehr wohl aber indirekt. In ihrem Programm ist u. a. die Rede von Änderungen bei der Zumutbarkeit bei der Annahme angebotener Jobs. Hier sind neben der Wegstrecke zum Arbeitsplatz der Berufs- und der Entgeltschutz von Bedeutung. Beide Punkte sollen "in Richtung stärkerer Arbeitsanreize" hinterfragt werden. Derzeit kann ein Arbeitsloser einen 100 Tage währenden Berufsschutz, danach kann er auf 80 Prozent des früheren Entgelts pochen. Ist der Job schlechter bezahlt, kann dieser also abgelehnt werden. Nach 120 Tagen Arbeitslosigkeit sinkt diese Einkommensschwelle auf 75 Prozent.

Kommt die Regierung überein, diese Grenzen zu senken oder gar aufzuheben, könnten die Arbeitslosen leichter vermittelt werden, so das Kalkül. Weiterer Ansatz: das Abflachen des Arbeitslosengeldes mit Dauer des Bezugs. Dabei wird auf skandinavische Modelle verwiesen, bei denen die Zuwendungen mit Dauer der Jobsuche sinken. Alle diese Maßnahmen setzen auf eine stärkere Aktivierung Arbeitloser. Die Abflachung der Lohnkurve hätte hingegen präventive Wirkung: Der Anreiz zur Freisetzung Älterer würde dadurch reduziert, meinen die Befürworter. (Andreas Schnauder, 5.1.2018)